Samstag, Dezember 29, 2007

In With The Ladies

Vorhin haben sie das Hamburg-Konzert von Rufus Wainwright auf arte gezeigt. Dafür hatte ich Karten, aber, naja, siehe Eintrag vom 2.12. Vor dem Fernseher konnte ich mir aussuchen, ob ich mich a.) ärgere über das, was ich verpasst habe oder b.) freue, dass arte diesen einen Abend extra für mich gefilmt hat. Eindeutig b., aber noch aus einem anderen Grund: die Schwenks ins Publikum.
Es ist doch so: Wenn man etwas besonders gerne mag, dann ist man sich sicher, dass es sich insgesamt ausschließlich um ganz besondere Menschen handeln muss, die dieses Etwas auch ganz besonders mögen. Deshalb will man außerdem, dass die Menschen, die man für besonders hält, mit einem seine besonderen Vorlieben teilen. Auf einem Rufus Wainwright-Konzert tummeln sich somit in der eigenen Vorstellung ausgebildete klassische Musiker, Menschen mit feinem Verständnis für die subtilen und weniger subtilen Texte, Liebhaber ausgesprochen exzentrischer Mode und Verfechter der homosexuellen Lebenskultur. Man selbst, bescheiden von Hause aus, ist überzeugt, in dieser wunderbaren Menge noch der gewöhnlichste, langweiligste Besucher zu sein.
Es ist nicht so. Die Kamera zeigt verzückte Sachbearbeiterinnen jenseits der 45, die mit geschlossenen Augen mitsingen und dazu schunkeln. Spätestens seit Hornbys „About A Boy“ ist klar, dass Singen mit geschlossenen Augen gar nicht geht. Dann auch noch an den falschen Stellen, so dass klar ist: Sie wissen leider gar nicht, was sie da mitsingen. Die Kamera zeigt auch schnauzbärtige Herren um die 50, neben ihnen die jeweils Angetraute, die selbst an diesem Abend nicht begreifen wird, woher seine Begeisterung für den jungen Rufus kommt.
Dafür wechselt Wainwright mindestens vier Mal sein Bühnenkostüm, seine Band muss in gestreiften bunten Anzügen performen, und ach, es ist schon schön. Auch vorm Fernseher: kein Gekreische, keine schlechte Luft, niemand, der trotz Sitzreihen plötzlich meint, vor einem aufstehen und die Sicht verstellen zu müssen, kein verschüttetes Bier vom Sitznachbarn auf der Strumpfhose, und vor allem: keine mit geschlossenen Augen an den falschen Stellen sehnsuchtsvoll mitsingenden Konzertmitbesucherinnen. Ach, ich bin gemein. Ich weiß schon. Und ich weiß auch, dass es noch viel schlimmer geht: Wenn man zum Beispiel, sagen wir, ein Lieblingsparfum hat, und dann macht, jetzt muss ich mir was Schreckliches ausdenken, Celine Dion Werbung dafür. Das geht gar nicht. So gesehen ist eigentlich alles gut.

Freitag, Dezember 28, 2007

Das neue Jahr ...

... bringt einige Kurzgeschichten von mir:

Im Schweriner "Petermännchenmörder" gibt's eine Rostock-Story - "Diese Sache" - aus deutlich überraschender Perspektive. Buchpräsentation demnächst.

Christiane Geldmacher gibt zusammen mit dem Poetenladen einen Krimiband heraus, betitelt "Hell's Bells". Darin ein kleines Quasikriminaltheaterstückchen: "Der unglückliche Herr Dr. von und zu Wittenstein". Präsentation mit szenischer Lesung im März auf der Leipziger Buchmesse.

Für "Mord am Hellweg IV" darf ich eine Lüdenscheidgeschichte beisteuern. Präsentiert wird die Anthologie im Herbst.

Genaue Termine folgen. Aber ich dachte, mal so als Teaser ...

Das Versagen des Autors beim Aufhören


Das ist schön:
"Wissen Sie, meine Theorie ist, dass die Spannung, die wirkliche Spannung, der wirkliche Kitzel bei einem Kriminalroman – genauer gesagt, auf den letzten paar Seiten eines Kriminalromans – weniger mit der Enthüllung etwa der Identität des Mörders zu tun hat oder mit der Klärung seiner Motive oder mit sonst etwas, das die Autorin ausgeheckt hat, sondern mit der wachsenden Befürchtung des Lesers, dass sich das Ende nach all der Zeit und Mühe, die er in das Buch investiert hat, wieder einmal als Reinfall herausstellt. Mit anderen Worten, was die Spannung erzeugt, von der Sie sprechen, ist nicht etwa die Angst des Lesers, dass der Detektiv versagen könnte – er weiß, das passiert nie -, sondern dass der Autor versagt."
Kommt aus Gilbert Adair, "Ein stilvoller Mord in Elstree" ("A Mysterious Affair of Style"), gefunden und für gut befunden von dpr im hinternet.
Schlimmstes Versagen, kürzlich entdeckt: "The Blood Doctor" von Barbara Vine. Und ich habe diese Frau einst verehrt.

Selbstverhinderung

Da ist sie wieder, die Angst vor dem leeren weißen Blatt, auch wenn es nur so tut, als sei es ein weißes Blatt. In Wirklichkeit hat es mit Papier nichts zu tun, dieses Ding. Aber es tut nun mal so. Und leer bleibt es auch.
Dabei ist alles schon fertig: die Figuren, die Geschichte. Ein zweiseitiges Exposé, genaue Charakterbeschreibungen, exakte Ortsrecherche. Sogar die Seitenzahl ist vorgegeben, und es sind gar nicht mal so viele Seiten.
Vielleicht ist gerade das das Problem der Kurzgeschichte: Sie ist kurz. Und weil sie so kurz ist, wird einem keine Seite, kein Abschnitt, kein Satz, ja auch kein Wort verziehen. Die Schwellenangst steigt. Statt einfach anzufangen und auszuprobieren – was kann schon passieren, es ist nur ein kurzer Text, man kann wieder von vorne anfangen und hat nicht viel verloren – statt also einfach anzufangen, kommt der Prokrastinationswahn. Ich versuche, mich mit mir auf eine Erzählperspektive zu einigen und entscheide dann, dass es viel wichtiger ist, mir auf Ebay Handtaschen anzusehen, die ich mir sowieso nicht leisten kann. Oder ich fange an, Bücher zu lesen, die ich im Normalfall nach fünf Seiten der Leihbücherei stiften würde. Mein Prokrastinationswahn verhält sich antiproportional zur Aufgabe, wie mir scheint. Statt Romanschreiben wasche ich Wäsche. Statt Kurzgeschichteschreiben plane ich meinen Umzug.
Ich plane also meinen Umzug. Das mit Berlin und mir – so sehr ich es liebe, so sehr macht sich das Gefühl breit, dass wir ein wenig auf Distanz gehen sollten, diese Stadt und ich. Vielleicht wird man träge, wenn man zu früh dort ist, wo man die ganze Zeit hinwollte. Vielleicht bin ich bindungsunfähig. Vielleicht passen wir doch nicht zueinander. Vielleicht bin ich, wenn ich ehrlich bin, doch irgendwie enttäuscht. Ich probiere es aus, kündige meine Wohnung und suche mir eine neue Stadt mit einer neuen Wohnung.
Umziehen birgt so viel Prokrastinationspotential, dass ich mich – theoretisch – in den nächsten Monaten vor Arbeit nicht retten können dürfte. Es ist ein Experiment.
Das Papier, das eigentlich keins ist, bleibt so lange weiß, bis ich gezwungen bin, mich um Dinge wie Mietverträge zu kümmern. Dinge, die so wichtig sind, dass sich das Prokrastinieren wieder einschleicht, und so lande ich wieder bei dem leeren weißen Blatt, das seit einiger Zeit auf die Endung .docx hört, und schreibe meine Kurzgeschichte.

Mittwoch, Dezember 26, 2007

Jesus-Tourismus

Letztens las ich, dass wir das mit dem Weihnachten ja völlig falsch verstehen. Wir wissen nämlich überhaupt gar nicht, warum wir Weihnachten ausgerechnet Ende Dezember feiern statt wann anders. Wann Jesus genau geboren wurde, wird aus der Bibel nicht so recht klar, so viel wusste ich schon vorher, auch, dass unsere Zeitrechnung nicht stimmt und wir sie deshalb im Grunde nicht n.Chr. oder v.Chr. nennen sollen, sondern vielmehr n.u.Z. und v.u.Z. sagen. Oder so ähnlich.
Ich fand die Theorie, dass die ganze Weihnachtszeit auf die Rauhnächte gelegt wurde, um den Heiden den Übergang zum Christentum leichter zu machen, immer hübsch einleuchtend. Man setzt sich zusammen, schaut erstmal, was der andere so im Angebot hat, und erleichtert dann durch Kompromissbereitschaft die feindliche Übernahme.
Soll aber ganz anders gewesen sein, hat jemand rausgefunden. Neueste Theorie zum Weihnachtsdatum also: Im 4. Jh. n.u.Z. traten sich die Pilger in Bethlehem gerade um Ostern herum die Füße platt. Um das Spektakel zu entzerren, beschlossen die Kirchenvorsteher, die Geburt Jesu auf ein anderes Datum zu legen als seine Auferstehung. Der Winter schien ein touristisch günstiges Datum.
Das ist noch ernüchternder und entmystifizierender als so manch andere Theorie. Ich bleib lieber bei der mit den Rauhnächten.

Donnerstag, Dezember 20, 2007

Damals, in Berlin


Letztens, als Papa zu Besuch war, hab ich ihn gefragt, warum wir eigentlich schon mal zusammen in Berlin waren, so kurz nach der Maueröffnung, damals, 1989. Er meinte: Weil Du unbedingt hinwolltest. Das wäre dann ungefähr das erste Mal, dass was gemacht wurde, weil ich es unbedingt wollte. Da kann was nicht stimmen. Ich hake also nach und er fügt hinzu: Ach wahrscheinlich hattest Du mal ein gutes Zeugnis. Ich erinnere ihn an meinen Notenschnitt, der sich in 13 Schuljahren kein Stück verändert hat, und er zuckt die Schultern: Wir waren halt mal in Berlin.
Das ist nicht sehr aufschlussreich. Ich versuche mich zu erinnern, was wir alles gemacht haben, und er weiß viel mehr als ich. KaDeWe, sagt er, da haben wir gefrühstückt, im Pergamonmuseum waren wir, um die Goldelse sind wir gelaufen, in einem Hotel gleich am Ku’damm haben wir gewohnt, und Kreuzberg, ach, DAS war vielleicht was.
Dunkel kommt eine Erinnerung: Klein-Henrike rennt begeistert von einem Plattenladen zum nächsten. Er vertieft: Das werde ich nie vergessen, als wird in diesen Hinterhöfen rumgelaufen sind und uns diese Gestalten entgegen kamen. Gestalten? Ja, schwarze lange Mäntel und Kajal und so. Ich mache große Augen: Ach, Gruftis? Obwohl man ja heute Goths sagt, glaube ich, aber da bin ich mittlerweile genauso raus wie Papa noch nie drin war, in dem Thema. Er nickt eifrig. Sahen fast so aus wie Du, erklärt er und lässt es klingen, als hätten diese Gestalten doch immer noch deutlich vorzeigbarer ausgesehen als ich. Mit einem Ausdruck des Grauens erinnert er sich an meine bevorzugte Schuhmode: spitze Schuhe. Stiefel sogar. Mit riesigen Absätzen. Spitz im Sinne von arg spitz vorne. Wenigsten hatte ich keine mit Fledermausschnallen, verteidige ich meinen Spitzenkauf, den ich damals, das immerhin weiß ich noch, aus Soho mitgebracht hatte. Fledermausschnallen oder Totenkopfschnallen, das war in London schon längst out, bevor man in Deutschland damit angefangen hatte. Tja. Die 80er, die späten, schlimme Zeit. In alle Plattenläden wolltest Du, wenn sie nur düster genug aussahen, lamentiert er. Und wo Du noch überall hinwolltest, aber da konnte ich doch nicht hingehen, nicht mit einem Mädchen in Deinem Alter.
Gut, deshalb waren wir auch am Wannsee, fällt mir ein, und er wird bleich. Meine Tasche haben sie mir gestohlen, sagt er. Alles war da drin: Schecks, Schlüssel, Ausweise, alles. Die hast Du in der Bahn liegenlassen?, vermute ich, wie auch schon damals. Er verliert manchmal Sachen, Brillen zum Beispiel, das gehört einfach zu ihm. Vehement wird verneint: Eine Räuberbande!, behauptet er auch heute noch, fast 20 Jahre danach, und sucht erfolglos nach seinem Wohnungsschlüssel, weil er dort seine Brieftasche vermutet. Kopfschüttelnd beschreibt er noch einmal, wie ich damals aussah, und ich argumentiere damit, dass es sich um eine gesunde pubertäre Reaktion handelte. Wenigstens, meint er, hast Du nicht mehr diese entsetzlichen spitzen Schuhe. Ich nicke geistesabwesend und mache mir eine mentale Notiz, in seiner Gegenwart auf gar keinen Fall meine Chanel-Schuhe anzuziehen.
Manchmal ändert sich gar nicht so viel, wenn man mal vom Preis absieht.

Dienstag, Dezember 18, 2007

In Ordnung

In einem idyllischen Nest, irgendwo in Baden-Württemberg: Die Menschen, die dort leben, haben zum größten Teil Arbeit, die Region ist verhältnismäßig wohlhabend, der Einzelhandel blüht. Es gibt niedliche Fachwerkhäuschen in den engen, kopfsteingepflasterten Straßen (vorbildlich begrünt), und wenn man im Café an dem niedlichen Bächlein sitzt, hat man das Gefühl, dass hier noch alles wirklich schwer in Ordnung ist.
Wäre da nicht die Sache mit dem Waisenjungen. Nennen wir ihn Sebastian, weil mir gerade kein besserer Name einfällt. Sebastian ist 12 Jahre alt und lebte einige Jahre in einer Pflegefamilie. Aber Sebastian war nicht in der Lage, soziale Kontakte aufzubauen. Das fand der Betreuer vom Jugendamt irgendwie schlecht und nahm ihn aus der Pflegefamilie raus. Vor ungefähr einem Jahr. Seitdem hat sich Sebastian in der Schule immerhin von überall ungenügend auf überall mangelhaft verbessert. Aber er hat auch 10 Kilo zugenommen, seit er im Waisenhaus wohnt, und Freunde hat er immer noch keine. Das Jugendamt ist trotzdem zufrieden.
Einer seiner Lehrer versucht schon seit langer Zeit, mit Sebastian Kontakt aufzunehmen, aber es gelingt ihm nicht. Er hat eine Klasse von über 30 Schülern, die auch so ihre Problemchen haben, aber er lässt nicht locker, weil er findet, dass Sebastian eine Konstante in seinem Leben braucht. Dieser Lehrer schreibt auch immer wieder Briefe an das Jugendamt, denn er findet, dass etwas mit Sebastian passieren muss. Besonders, seit Sebastian diese kleinen Zettel schreibt, auf denen etwas steht von Bomben und Amoklauf und Selbstmordattentat.
Das Jugendamt aber findet, dass Sebastian noch zu klein ist für Bomben und Amoklauf und Selbstmordattentat. Er ist ja erst 12. Aber auf der Akte klebt immerhin der Vermerk „dringend“, was die Bearbeitungszeit auf acht Wochen verkürzt. Sebastians Betreuer beim Jugendamt schlug kürzlich vor, ihn in eine geschlossene Anstalt einzuweisen. Der Lehrer findet, dass psychologische Betreuung dringend erforderlich ist, zweifelt aber ein wenig am dem Modell der Geschlossenen. Passiert ist immer noch nichts.
Der Lehrer hat nun schon zum, naja, er hat vergessen wievielten Mal an das Jugendamt geschrieben. Jetzt überlegt er, was er noch tun kann, weil er irgendwie doch Angst davor hat, dass dieses niedliche Nest in Baden-Württemberg demnächst in den Schlagzeilen ist. Er denkt immer an diesen Satz, den sie im Fernsehen gesagt haben, nachdem die Mutter in der Nähe von Plön ihre drei Jungs erstickt hatte: "Wir waren vor Ort und haben uns ein Bild von der Familiensituation gemacht. Das sah alles ganz ordentlich aus. Die Waschmaschine lief ja." So oder so ähnlich.
Das Jugendamt sagt zu ihm, sie würden gerne, aber sie haben zu wenig Kapazitäten, und vor Weihnachten passiert sowieso nichts mehr.
Sebastian malt weiter kleine Zettelchen mit Bomben, für die sich niemand außer diesem einen Lehrer interessiert. Was er, sagen wir, im Internet macht, das weiß auch sein Lehrer nicht.

Gründe

Hinter den Kulissen

Dramatis Personae:
HH
Chorrepetitor S

HH: Männerdomäne!
S: Quatsch. Da gibt’s genug Weiber.
HH: Weiber! Aha!
S: Frauen.
HH: Aber doch nur, weil ihr uns für den Sopran braucht.
S: Ach, da laufen doch auch sonst noch welche rum.
HH: Die Berliner Philharmoniker hatten 100 Jahre lang keine Frauen im Orchester! Karajan hat…
S: Pah, das ist doch …! Ein alter Hut! Und was ist mit der Anne-Sophie Mutter? Die ist ne Frau und berühmt.
HH: Ja, und sie ist die einzige, die allen einfällt, wenn’s um nichtsingende Frauen im Klassikbereich geht. Und sonst? Hm? Klavier?
S: Ähm … Diese beiden Schwestern …
HH: Die merkst du dir doch nur, weil sie irgendwelche Männerphantasien bedienen. Echt, typisch.
S: Aber es ist echt besser geworden in den letzte Jahren.
HH: Im Mittelfeld, wo alle untergehen, ja.
S: Na, und da ist doch noch diese … diese …
HH: Martha Argerich?
S: Genau! Die ist toll!
HH: Stimmt.
S: Die spielt wie fünf Männer!
HH: Merkste was?

Namensgleiches

Es ist ein bisschen ungerecht, ganz oft, wenn man Namen verwechselt. Robert und Martin Walser, zum Beispiel, das geht gar nicht. Sagt auch anobella. Der arme Robert. Dass man Richard Strauss in Verwandtschaftsverhältnisse zu Johann Strauß senior und junior rückt, gut, sie haben alle irgendwie komponiert und heißen schon sehr gleich. Geht aber auch gar nicht. In dem Fall: der arme Richard.
Aber dann: Schubert und Schumann. Wie kommt das? Sie werden immer in einen Topf geworfen. Schon von meinem Klavierlehrer, der immer sagte: "Alles, was mit Schu anfängt, spielen wir nicht."
Ich soll einen Artikel über Schubert schreiben, und seitdem fragt mich jeder, wie weit ich mit dem Schumann bin. Deshalb hier für alle:
Einer heißt Franz, der andere Robert. Schubert ist dreizehn Jahre vor Schumann geboren, nämlich 1797, und dazu noch in Wien, nicht in Zwickau. Schubert war nie verheiratet, Schumann schon, mit Clara, auf die er fürchterlich neidisch war, weil sie besser Klavierspielen konnte als er und – so munkelt man – auch besser komponieren. Angeblich hat er hin und wieder seinen Namen auf ihre Kompositionen geschrieben. Schubert hat so viel selbst komponiert, dass er gar keine Zeit gehabt hätte, seinen Namen noch woanders draufzuschreiben, außerdem hatte er keine Ehefrau, er zog den Verkehr mit Professionellen vor. Was noch? Ah, beide hatten Syphilis. Schubert wurde deshalb nur 31 Jahre alt, Schumann entschied sich für das volle Programm: nahm noch den Wahnsinn mit und starb mit 46 in der Nervenheilanstalt.
Zusammenfassend: Schubert wird von Rufus Wainwright sehr verehrt, Schumann hat die deutlich interessantere Biographie, aber es hilft nicht: Ich mag beide immer noch nicht spielen.
Ein Freund von mir sagt immer: "Diese Syphilis ist ja eine ganz abscheuliche Krankheit. Sie hat viel zu lange gebraucht, um die beiden dahinzuraffen." Er muss einen ganz ähnlichen Klavierlehrer gehabt haben. Seltsam.

Sonntag, Dezember 16, 2007

Wir schauen fern

Eigentlich wollte er die „Zürcher Verlobung“ schauen, musste dann aber feststellen, dass es sich nicht um den Originalfilm, sondern irgendein lähmendes ARD-Remake handelte, und so landete er auf RTL bei Mario Barth. Nachdem ich ihn eine halbe Stunde vor sich hinkichern hörte, setzte ich mich zu ihm und schaute mit. Rechtzeitig zu dem Punkt, als Barths Comedian-Kollege mit einem Panzer einen BMW vor der Studiohalle plattmachte, der angeblich falsch geparkt war. Der BMW gehörte jemandem aus dem Publikum. Dessen Vater schien eingeweiht, denn er grinste ununterbrochen. Auf die Frage, wieviel sein BMW bis vor der Panzerbegegnung noch wert war, sagte der Mann etwas von vierzigtausend Euro. Sein Vater grinste immer noch sehr zufrieden. Als es dann hieß, der Vater hätte den BMW dort geparkt, war klar, dass die Sache abgesprochen war.
Als Entschädigung bekam der Mann natürlich einen Neuwagen. Was denkt sich nun ein BMW-Fahrer, wenn ihm RTL, der quotenstärkste deutsche Sender, zur Primetime seine Karre live vor laufenden Kameras mit einem Panzer zerschrottet? In der Show des angeblich erfolgreichsten Comedians Europas? Ich frage Papa, ebenfalls BMW-Fahrer, und der kann es noch nicht glauben, was er da gesehen hat, der ist sich noch sicher, dass es ein Trick war, oder ein anderes Auto, irgendwas in der Art. Ich dränge: Was würdest Du erwarten, wenn sie Dir Deinen BMW plattmachen? Und er sagt: Na mindestens dann aber mal nen Porsche, sonst lohnt sich das Theater doch nicht.
Statt Porsche kommt ein Seat. In Metallicsilbergrau. Barth wagt es auch noch, Witze darüber zu reißen, dass sich die jungen Mädchen jetzt um den stolzen Besitzer reißen würden. Papa wird bleich. Der Mann im Fernsehen wird ebenfalls bleich, reißt sich aber zusammen, schließlich laufen Kameras. Sein Vater sitzt immer noch im Publikum und grinst. Ein Seat, flüstert Papa und schüttelt fassungslos den Kopf. Wie muss sich ein Mann fühlen, für den ein 3er BMW schon ein niedlicher Kleinwagen ist, wenn man ihm seinen Wagen unwiderbringlich zerstört, um ihm dann einen billigen Seat für, sagen wir großzügig, fünfzehntausend Neupreis hinzustellen? Er leidet mit dem Mann im Fernsehen, und der Vater des Mannes im Fernsehen grinst so breit, dass ich denke: schwelender Vater-Sohn-Konflikt, basierend auf Konkurrenzsituation. Die beiden sehen wir demnächst vielleicht bei „Zwei bei Kallwass“. Das wäre doch logisch in der Verwertungskette.
Papa ist immer noch erschüttert und will an einen hundsgemeinen Trick glauben. Aber RTL tut ihm den Gefallen nicht. Die Sache wird nicht aufgelöst. Vielmehr: Sie entlassen uns mit der Lösung Seat gegen BMW. Papa will nie wieder RTL schauen. Ich schlage ihm vor, zu Hause anzurufen und sich zu erkundigen, ob in der Garage alles in Ordnung ist. Er nickt betroffen und sucht sein Handy.

Donnerstag, Dezember 13, 2007

Offlinemodus

Dramatis Personae:
HH (offline)
T (Call-Center-Mitarbeiter einer Telekommunikationsfirma)
M (Herr Maischein)

HH: ... dann machen Sie ein Linereset, das hilft manchmal!
T: Nein, das mach ich nicht, das hilft nicht!
HH: Doch! Tun Sie irgendwas!
T: Da kann ich Ihnen jetzt unmöglich helfen. Von unserer Seite aus geht da erstmal gar nichts. Frühestens in drei Tagen kann ich jemanden vorbeischicken.
HH: Es ist aber dringend. Ich muss arbeiten!
T: Tut mir Leid, ich kann da gar nichts machen, wir …
HH: Sie verstehen nicht. Wenn ich kein DSL habe, kann ich nicht arbeiten. Ich brauche dieses Internet, um arbeiten zu können.
T: Doch, doch, ich versteh schon, aber wir können unmöglich …
HH: Ich muss meine Sachen, an denen ich arbeite, per E-Mail verschicken, da ist das Internet immer ganz hilfreich. Und wenn ich das nicht mache, verdiene ich kein Geld. Wenn ich kein Geld verdiene, kann ich meine Telefonrechnung nicht bezahlen, und wenn ich meine Telefonrechnung nicht mehr bezahlen kann, hat Ihr Arbeitgeber noch weniger Kunden als ohnehin schon, der spart dann bei den Personalkosten ein, zum Beispiel im Callcenter, und raten Sie mal, wer dann irgendwann arbeitslos wird. Hm? HM?
T: Ähm - morgen früh kommt dann gleich jemand und kümmert sich um die Leitung.
HH: Ah. Geht doch.

---

Drei Stunden später:

HH: Ich wollte den Auftrag stornieren. Ich hab wieder DSL.
T: Ah, ja, der Kollege hat auch ein Linereset gemacht.
HH: Achwas! Hat er doch?
T: Steht hier.
HH: Am Telefon hat er sich geweigert.
T: Nee, steht hier.
HH: Prima. Da bin ich ja dann zufrieden. Dann braucht ja morgen keiner zu kommen.
T: Klar, ich nehm's raus.

---

Drei Tage später, sieben Uhr morgens, Telefon klingelt:

M: Tach, Maischein mein Name, Mai wie der Mai und Schein wie der Schein, Sie wissen schon, ick ruf an wejen dem Anschluss.
HH: Äääh, Anschluss ist super, und ich schlaf noch. Danke.
M: Na wir hatten dochn Termin!
HH: Wir hatten was?
M: N Termin, zwischen sieben und zehn!
HH: Mit mir hatten Sie ganz sicher keinen Termin um die Zeit, ich hab NIE Termine um die Zeit.
M: Doch, ick hab ma jeschaut wegen dieser Leitung, und nu weeß ick ooch, wieso dit immer ausfällt.
HH: Ach?
M: (erklärt halbe Stunde vor sich hin) .... und ick mach dit mal jetz.
HH: Super. Muss ich da jetzt auch irgendwas machen, Sachen anschalten oder abschalten...?
M: Nee, Sie kriejen dit jar nich mit, dat ick wat mache. Ick stör Ihnen ooch nich mehr.

---

Eine Stunde Später:

M: Ja, Maischein noch mal, ick wollt nur sagen, ick mach jetzt mal son Umstecken von der Leitung, da könn Se ne halbe Stunde nich telefonieren, wär dit ok?
HH: Mit wem soll ich morgens um acht telefonieren außer mit Ihnen?
M: Na ick mein ja nur. Also dann, halbe Stunde, jeht klar?
HH: Auf jeden Fall. Und Ihnen noch einen schönen Tag.

---

Halbe Stunde später:

M: Ick bins, Maischein. Jeht's wieder?
HH: Na wir reden doch gerade.
M: Nee, dit Internet.
HH: Das schläft noch.
M: Na nu schaun Se mal.
...
HH: Ja, geht. Danke.
M: Ick hab da nämlich mal ... (erklärt halbe Stunde).
HH: Prima. Dann ist ja jetzt gut.
M: Ja, ick leg dann mal auf!
HH: Und Sie rufen auch nicht mehr an?
M: Ick kann auch noch mal anrufen, wenn Se dit wolln?

Dienstag, Dezember 11, 2007

Heute machen wir Aktenordner

P: Was machst Du denn mit Deinen ganzen Unterlagen? Wo sind die überhaupt.

H: Ich geb doch immer alles meiner Steuerberaterin, die lagert das ein.

P: Und wenn Du mal was brauchst, zum Beispiel… irgendwas von vor drei Jahren oder so?

H: Wie meinst Du das, wozu soll ich das brauchen?

P: Naja, was ist denn mit so Sachen wie Mietvertrag oder Versicherungsscheinen?

H: Schau mal, mein Schreibtisch, der hat ganz viele Schubladen, die sind fast wie Ordner.

P: Das gehört alles in Ordner, und die Ordner gehören da auf das Regal.

H: Mein Bücherregal ist ein Bücherregal, da kommen keine Ordner rauf.

P: Wie bist Du eigentlich durchs Studium gekommen? Hattest Du da auch keine Ordner?

H: Na, warum hab ich wohl nicht Jura studiert? Richtig, weil ich keine Ordner anlegen kann.

P: Da drüben an die Wand könnte man doch noch einen Schrank für Akten…

H: Das Klavier bleibt stehen wo es ist!

P: Wir kaufen jetzt Ordner.

H: Ich habe Ordner! Da! Da liegen doch welche!

P: Die sind ja leer! Ich dachte, da ist schon was drin!

H: Was soll denn da drin sein?

P: Unterlagen?

H: WAS für Unterlagen?

P: Ich fang jetzt mal an aufzuräumen. Dann finden wir bestimmt ein paar Unterlagen, die wir in die Ordner tun können.

H: Nein! Nicht meine Noten wegwerfen!

Parallelwelten (Eltern)

Es gibt gute Gründe, seine Eltern nicht in die eigene Wohnung zu lassen. Eltern haben häufig ein anderes Verständnis von Ordnung und Lebensart als man selbst, und vor allem werden Eltern sofort wieder ganz schrecklich zu Eltern, wenn sie erstmal in der Nähe ihrer Kinder egal welchen Alters sind.
Nach drei Jahren ist nun aber Papa zum ersten Mal in meiner Wohnung, und es passiert alles, was zu befürchten war. Er organisiert die Küche um und verkabelt die elektrischen Geräte neu. Er inspiziert Handtücher und Spülschwämme und macht gleich mal Listen, was ich alles neu brauche. Er sucht beim Essen sogar, ohne mit der Wimper zu zucken, nach dem Serviettenhalter („WAS suchst Du???“ – „Wie, Du hast KEINEN?“). Erst als ich mich im Schlafzimmer auf den Boden werfe und „Stop! Die Putzfrau war erst GESTERN hier!“ schreie, macht er den Staubsauger aus und stellt ihn wieder weg. Es folgen diverse Verbesserungsvorschläge, was die Garderobe angeht, unverständliche Fragen zur Bauweise des Hauses und eine umfassende Inspektion und Neuordnung der Lebensmittelvorräte.
Irgendwann entdeckt er den Schuhkarton, in dem ich die Steuerunterlagen sammle. Natürlich rupft er ihn auf und ordnet alles. Danach entdeckt er die vielen ungeöffneten Briefe, die hier so herumliegen, und weil er nicht glaubt, dass ich weiß, was drinsteht und es keinen Handlungsbedarf gibt, öffnet er sie alle und liest sie. Natürlich gibt es Handlungsbedarf, der besteht im Abheften, nur, dass ich keine Ordner habe. Es folgt eine neuerliche Aufzählung an praktischen Haushaltsdingen (sans Serviettenhalter), und ich sehe mich schon mit ihm im Obi-Markt flanieren. Dass der VG-Wort-Scheck unbedacht auf dem Klavier liegt, erschüttert ihn, den Ex-Banker, bis ins Mark, schließlich könne er doch so im Müll landen. Meine Frage, wer den Scheck denn wohl in den Müll werfen würde, weil er nicht weiß, dass es ein Scheck ist, beantwortet er mit einem würdevollen Schweigen.
Ich vermute, ihm ist langweilig. Also denke ich über Beschäftigungstherapien nach. Schicke ihn zum Einkaufen (zu Fuß) und ködere ihn schließlich mit ein paar DVD-Dokumentationen über das Nachkriegsdeutschland. Das ist in etwa so, wie wenn man seine gerade Schulpflichtigen für drei Stunden vor Spongebob setzt: Ruhe kehrt ein. Naja nicht ganz: Das Sofa ist ihm zu niedrig, ich soll es bitte zum Sperrmüll geben und mir ein neues kaufen, da gibt es ganz tolle von Benz, nur so zum Beispiel. Ikea, sage ich und denke ernsthaft über die Existenz von Parallelwelten nach und wie es sein kann, dass manche Kinder so aus der Umlaufbahn geraten, dass sie gleich das Sonnensystem wechseln.
Berlin behandelt er wie die Kleinstadt, in der er lebt und die eigentlich ein Dorf ist: Er will irgendwann diese Woche noch „in die Stadt“ fahren. Ich lasse eine Stunde später beiläufig den Reiseführer mit Karte auf dem Wohnzimmertisch liegen, so als hätte er noch nie woanders gelegen. Als er die Berlin-Meldungen im Radio hört, ist es, als sei all das direkt vor meiner Haustür geschehen. Das Busunglück war nicht in Tegel, sondern gefühlt in der Clayallee, und das getötete Kleinkind liegt nicht mehr im Straßengraben von Moabit, sondern vor Vaters geistigem Auge in einem der Parks der FU.
Nun ist also passiert, was ich sonst im Jahreskreislauf zu vermeiden weiß, unter anderem durch die Aussparung von Weihnachten in der sogenannten Heimat (=mittelhessisches Sperrgebiet): Ich bin wieder ganz Kind. Wenn man behandelt wird wie sechzehn, dann benimmt man sich meistens auch so. Geht irgendwann mürrisch in sein Zimmer, hört laute Musik und lässt überall seinen Müll rumliegen.
Dafür habe ich jetzt, nach nur einem Tag, die sauberste Wohnung in ganz Dahlem. Auch die ordentlichste und aufgeräumteste. Mein Klospülkasten ist repariert, meine Stereoanlage läuft wieder, und meine Mäntel hingen nie schöner in Reih und Glied. Ich bestelle heimlich im Internet ein paar von den Sachen, die er als unverzichtbar aufgezählt hat (immer noch sans Serviettenhalter, der ist nach wie vor verzichtbar). Und dann verstehe ich: Es geht gar nicht darum, dass ich in manchem nachgegeben hätte oder mich seinem Willen beugen würde. Sondern einfach nur darum, dass er auch manchmal Recht hat. Nicht immer, weil er aus einem anderen Universum stammt, aber manchmal gelten die gleichen Naturgesetze, und dann hat er Recht.
Es ist gar nicht so leicht, das mit dem Erwachsenwerden.

Samstag, Dezember 08, 2007

Post (Edinburgh)

Autogramme finde ich ganz besonders überflüssig. Ich habe mir noch nie ein Autogramm geben lassen. Der einzige Sinn eines Autogramms ist doch der, dass man jedem erzählen kann: Da, schau, hab ich getroffen, ganz persönlich!

Jaja, für fünfeinhalb Sekunden, nach einer Stunde Schlangestehen. Zusammen mit den anderen hundert Leuten.

Heute Morgen kam ein Päckchen: Der neue Rankin, ohne Lieferschein, ohne sonstwas. Kenn ich doch schon, denke ich, fange trotzdem an, darin zu blättern, und sehe: Ein Autogramm. Mit Widmung. Und einem Smiley. Ohne Schlangestehen, aber auch ohne ihn getroffen zu haben. Was jetzt? Ich bin entzückt und rufe erstmal fünf Freundinnen an. Stelle das Buch ganz vorsichtig in den Bücherschrank zu den anderen. Nehme es wieder weg und lege es auf mein Stehpult. Nehme es wieder weg und lege es auf den Wohnzimmertisch, damit jeder, der mich besucht, es sofort sieht und in die Hand nimmt und aufschlägt und… Nehme es wieder weg und lege es auf den Nachttisch, griffbereit. Nehme es wieder weg, lege mich auf die andere Seite und lese es zum zweiten Mal.

(Neiiiin, ich rauche nicht, das ist ein ALTES Foto.)



Singlemarkt des Jahres

Unser Tengelmann unten in Zehlendorf Mitte ist Supermarkt des Jahres 2007, aber das hab ich irgendwie heute erst gemerkt. Ich habe keine Ahnung, wie man Supermarkt des Jahres wird. Vermutlich aber so, wie man Hotel des Jahres oder Weinstube des Jahres oder Vietnamese des Jahres wird: Umbauen, Party für die Juroren schmeißen, Titel einstecken.
Letztes Jahr hat der Tengelmann umgebaut. Das führte einige Wochen zu kompletter Verwirrung unter den Einkaufenden. Sie haben den Laden nämlich hinterher spiegelverkehrt eingerichtet. Heerscharen von Kunden mühten sich verzweifelt und fruchtlos, durch den Ausgang in den Laden zu gelangen. Hatte man es irgendwann durch die neue Marktöffnung hineingeschafft, nahm das Elend seinen Lauf: Lange Einkaufswagenschlangen stauten sich vor den Marktmitarbeitern, die nicht dazu kamen, die schicken neuen Regale aufzufüllen, weil sie ständig den Kunden erklären mussten, wo die Sachen neuerdings eingeräumt waren. „Aber der Reis stand doch früher IMMER …“ war kein gültiges Argument mehr.
Mittlerweile hat sich die Lage beruhigt, die Zehlendorfer haben sich an das spiegelverkehrte Einkaufswunder 2007 gewöhnt. Er ist zu einer Art Singletreff und Flirtoase mutiert, seit der Laden auch bis 22 Uhr offen hat („Müssen Sie auch immer so lange im Büro schuften?“) und die DSL-Packstation („Ach, erklären Sie mir doch mal, wie das geht!“) davor thront. Praktischerweise wurden auch noch kleine Feinschmeckimbisse im zur Straße gehenden Gebäudeteil eingerichtet. Die Pärchenbildung ist auffallend, der Anteil an Alleinstehenden, die wie zufällig nach einem laaangen Einkauf noch laaange an den Feinschmeckbuden herumhängen auch. Geht man alleine in den Markt, wird man beäugt wie nur früher beim Tanztee, und ich erinnere mich mit einem unguten Ziehen in der Magengrube an das Singleshopping damals in München beim WalMart, jeden Freitag zwischen 19 und 20 Uhr, da durfte man auf gar keinen Fall einkaufen gehen. Das also hat unser Tengelmann nun täglich außer Sonntag rund um die Öffnungszeit. Ich warte darauf, dass sie entsprechende Aushänge am Schwarzen Brett machen: Statt „Ältere Dame sucht Bridgepartnerin“ schnöde Kontaktanzeigen. Der Supermarkt des Jahres löst parship.de ab, nachdem die Internetsinglebörsen das Herumhängen ins Bars und Clubs abgelöst haben. Jedenfalls in Zehlendorf Mitte.
Noch drei Wochen ist unser Tengelmann Supermarkt des Jahres, und danach will ich unbedingt wissen, wie und wo es weitergeht und ob der neue Supermarkt des Jahres auch solche einschneidenden Konsequenzen für seinen Kiez hat.

Donnerstag, Dezember 06, 2007

Wunder der Technik

Seit etwas über einer Woche hab ich einen neuen Rechner mit einem neuen Betriebssystem und dem neuen Word. Und seit einer Woche suche ich verwirrt nach grundlegenden Funktionen wie "speichern unter", ohne sie zu finden. Bei "Hilfe" will ich nicht nachsehen, das ist so eine ganz männliche Eigenschaft von mir, das will ich selbst rausfinden. Und HEUTE (!) merke ich, dass dieses komische runde Zeichen oben links nicht etwa lustige Deko ist, sondern anklickbar. Dahinter verbergen sich dann im Dialogfeld alle Funktionen, von denen ich schon dachte, sie seien wegen Banalität abgeschafft worden. Jetzt schäme ich mich ein bisschen.

Westberliner Befindlichkeiten: Wie man die Konservativen dazu bringt, Emma-Abonnenten zu werden

Alice Schwarzer ist im Moment das Flaggschiff der CDU in Charlottenburg-Wilmersdorf. Frau Schwarzer hat kürzlich die rot-grünen Prostitutionsgesetze kritisiert, weshalb eine Bibliothek in Charlottenburg nun nicht mehr nach ihr benannt werden soll, sagt die SPD. Woraufhin die CDU sich gleich auf die Seite der Frauenrechtlerin stellt und der SPD Intoleranz vorwirft. Ach, Politik kann so schön sein. Ich stelle mir gerade die Charlottenburg-Wilmersdorfer CDU-Abgeordneten vor, wie sie beim Christopher Street Day in Engelskostümchen mithoppsen, nur ums der SPD zu zeigen, ha!

Montag, Dezember 03, 2007

Hilfreiches

„Schreib doch mal sowas wie Harry Potter.“

„Du musst einfach zu dem Kerner in die Talkshow.“

„Lass doch Deine Bücher verfilmen! Am besten mit dem Brad Pitt oder so einem.“

„Der Spiegel muss einfach mal Dein Foto auf die Titelseite machen.“

„Frag doch den Reich-Ranicki, ob der was über Dich schreibt.“

„Schick einfach der Heidenreich Dein Buch, damit die das vorstellt.“

„Lass die von der Gala ne Homestory bei Dir machen, dann wird das schon.“

„Du musst Deinem Verlag sagen, dass die so Plakatwände mit Werbung für Deine Bücher machen!“

„Im Fernsehen da auf Vox und so gibt’s immer Buchtipps, wär das nix?“

„Wenn Du erstmal in der Spiegelbestsellerliste bist, dann läuft das auch!“

„Schreib halt keine Krimis, sondern sowas wie die Pilcher, das lesen Frauen viel lieber.“

"Get me new faces..."

Dramatis personae:

HH

Befreundeter Musiker M

HH: Oh, a new album! Do send me a copy! Or no, wait, I can ask Claire.
M: Claire?
HH: You remember Claire. The blonde. Very beautiful.
M: Aaaaaah, she’s weird, isn’t she?
HH: Erm, weird? I don’t …
M: The weirdo! Claire! I remember now! She keeps following us aro
und. Wherever we play, she’s there. She even stays in the same hotels. Between us – I think she’s a stalker!
HH: Darling, she’s your tour manager’s assistant.
M: Oh – Claire! Right …

Sonntag, Dezember 02, 2007

Not Ian, not now

Im Moment fällt ja erstmal alles aus, zum Beispiel mein Erscheinen auf br-alpha (dabei hatte ich mir extra eine schwarze Hose…). Oder das Abendessen mit Ian Rankin (dabei hatte ich mir extra einen neuen Rock…), und bei Rufus Wainwright war ich auch nicht (dafür hatte ich mir nichts extra gekauft, konnte trotzdem nicht).
Wohl zum ersten Mal seit langem habe ich Zeit, in die ganzen ungelesenen Bücher, die hier gestapelt herumstehen, reinzulesen. Ich hab schon angefangen: Veronica Stallwood zum Beispiel ist un-les-bar, und von Oxford bekommt man nichts mit. Martin Edwards walzt eine Kurzgeschichtenidee auf Romanlänge aus, und danach möchte man nicht mehr an den Lake District fahren aus Angst, man langweilt sich zu Tode. Der neue Nesser hingegen ist ganz unterhaltsam, auch wenn ich weiß, dass viele ihn irritiert hassen werden. Mit Elizabeth George hab ich im Grunde schon vor fünf Büchern abgeschlossen, will es aber offenbar nicht wahrhaben und versuche es immer wieder, nur um zu sehen, dass das Thema für mich doch durch ist. Ein bisschen wie mit einem abgelegten Liebhaber. John Irving ist bis jetzt schön unterhaltsam, und Ian Rankins „Exit Music“ hab ich auch schon durch, da bin ich parteiisch, da sag ich eh immer nur, dass es genial ist. Mal sehen, was als nächstes drankommt.
Vielleicht sollte ich mich mal an die Überarbeitung von meinem MS machen. Einen Schauplatz werde ich wohl umschreiben müssen. Mr Rankin war schneller. Gemeinheit. So gesehen ganz gut, dass wir nicht zusammen essen gehen. Ich wäre nicht besonders freundlich zu ihm gewesen.

Adventliches

Der Autor, heißt es, langweilt sich nie, denn er kann alles, was er erlebt, in irgendeiner Form in seinen Geschichten verarbeiten. Man lernt immer etwas dazu, heißt es, und kann alles wunderbar abstrahieren und verallgemeinern. Gelernt habe ich in den letzten Tagen:
• Man muss deutlich mehr als ein bis zwei Liter Blut verlieren, bevor man ohnmächtig wird. Vorher hat man immer noch ausreichend Energien, Ärzte zu beleidigen und Krankenschwestern anzukeifen. (Dit is die Panik, sagt der Oberarzt. Sie dürfen mich ruhig hassen, ick wees, dit tut dolle weh.)
• Wenn man will, dass im Notfall ein echter Arzt zu einem nach Hause kommt, darf man nicht 112 wählen, oder man muss denen am anderen Ende der Leitung klar machen, dass man einen echten Arzt braucht. Ansonsten kommen zwar sehr nette und gut gelaunte, aber medizinisch nur grundlegend ausgebildete junge Herren, die schon mal etwas überfordert wirken können.
• Das Krankenkassenkärtchen ist wichtig, auch und besonders, wenn es sehr schlimm um einen steht. Vermutlich ist es das erste, was Rettungssanitäter lernen: Immer nach der Karte fragen, auch wenn der Patient knietif in seinem eigenen Blut watet.
• An Blaulichtfahrten kann man sich nur ganz schwer erinnern. Zeitabläufe werden dann extrem relativ. Hinterher gibt es aber immer eine sehr hilfreiche entfernte Nachbarschaft, die zwar nicht weiß, worum es ging, aber alles im Detail berichten kann. Dabei erzählt jeder etwas anderes.
• Der Hinweis „Ich blute überall hin“ ist unpräzise, wird gerne missverstanden und sowohl im Rettungswagen als auch im Krankenhaus mit einem „Das macht nichts, das können wir wegwischen“ gewürdigt. Offenbar ist es für Menschen, die gerade kein Blut verlieren, zweitrangig, dass derjenige, der es verliert, gerne noch ein paar Tropfen im eigenen Körper behalten würde. Dafür scheint aber ganz klar, dass der Verblutende sich selbstverständlich um die Einrichtung sorgt.
• Irgendwann allerdings, wenn der erste Schock vorbei ist und man das Gefühl hat, medizinische Kompetenz ist auf dem Weg, denkt man tatsächlich über Schadensbegrenzung nach und sagt Dinge zur Krankenschwester wie: „Der Pullover ist neu, passen Sie auf, wenn Sie ihn mir für lebensrettende Maßnahmen vom Leib zerren.“ Oder: „Der Rock kann nur in die Chemische, versuchen Sie mal, dass da nicht zuviel Blut rankommt.“ (Dit nennt sich Übersprungshandlung, sagt der Oberarzt.)
• Scham ist ein seltsames Gefühl. In Momenten höchster Not verschwindet sie weitestgehend, kehrt aber einige Tage später umso gewaltiger zurück. Man wälzt sich dann mit einem gequälten Stöhnen im Bett, die Schwester sorgt sich, ob man Schmerzen habe, doch in Wahrheit denkt man zurück und schämt sich entsetzlich, entgegen aller Vorgaben des Verstandes. Kaum hat man überlebt, stehen antrainierte Verhaltensmuster wieder ganz oben.
• Ärzte schätzen es nicht, wenn man sie mehrfach fragt, ob sie wissen, was sie da tun, ob sie das vorher schon mal getan haben, und ob sie nachts um eins wirklich noch wach genug und in der Lage sind, zu operieren.
• Liegt man zufällig aus Platzmangelgründen in einem Privatpatientenzimmer, wundert man sich schnell, wie schön es in so einem Krankenhaus sein kann. Man bekommt sogar einen Speiseplan und darf Sachen ankreuzen.
• Wenn man in einem Krankenhaus der Siebenten-Tags-Adventisten gelandet ist und die Schwestern erstmal verstanden haben, dass man nicht Heilmann, sondern Heiland heißt, schlägt die Begeisterung hohe Wellen.
Ich bin gespannt auf meinen nächsten Roman, ganz ehrlich.

Mittwoch, November 28, 2007

Weihnachtsleuchtendes

Es fängt wieder an, dieses Weihnachten. Es ist ja schon lange kein punktuelles Ereignis mehr, sondern ein schleichender Prozess, der spätestens ab Oktober beginnt. Bis dahin schaffe ich es noch irgendwie, die Schokonikoläuse zu ignorieren, weil ich keine Schokolade esse, aber so ab jetzt, ab Ende November, kann ich nicht mehr. Nachtblind wie ich bin und unfähig, Kontraste zu verarbeiten, macht mich diese Beleuchtung wahnsinnig. Und weil es hier schon so ab kurz nachdem ich aufstehe, also geschätzt vier Uhr, Nacht wird, kann ich dem kaum entkommen. Selbst ich muss irgendwann das Haus verlassen und irgendetwas einkaufen. Es gibt nicht alles online. Beziehungsweise: Manchmal braucht man es einfach schneller, als der Hermesversand liefern kann, und dann muss man selbst.
Heute zum Beispiel, da heißt es, ich soll ins Fernsehen, am besten gleich noch nächste Woche, und bitte ziehen Sie nichts Buntes, Kariertes, Gestreiftes, Weißes oder sonst wie Geartetes an. Also Schwarzerpullischwarzerrock? Nein, Rock, Kleid, schwierig, Sie sitzen, wir machen öfter eine Totale, oder geht der Rock übers Knie, und zwar deutlich?
Selbstverständlich geht kein einziger bis übers Knie, stelle ich fest, es sei denn, ich entscheide mich für gehobene Abendgarderobe, das fände ich selbst für Bayern alpha übertrieben. Und da ich mich irgendwann dummerweise entschieden habe, nicht mehr ausschließlich Schwarz in meinem Schrank zuzulassen, wirkt das Durcheinander auf mich bunt, kariert, gestreift und weiß. Klar, wenn ich suchen würde, ich fände etwas, aber ich komme nicht dazu, darüber nachzudenken, ich sitze schon längst im Auto und parke irgendwo neben dem Ku’damm, völlig überzeugt, dass ich nichts dringender brauche, als eine schwarze Hose.
Ich stelle fest, erstaunt, dass diese Woche die beste Weihnachtseinkaufswoche ist. Der gesamte Ku’damm ertrinkt in Weihnachtsstimmung, aber es sind kaum Menschen unterwegs. Sie warten alle auf den ersten Advent, um dann zu zeigen, was sie in ihrer Nahkampfausbildung gelernt haben.
Diese Woche ist ruhig. Nur wenige betrunkene Schulklassen sind unterwegs. Mir begegnen gar keine Frauenkegelclubs. Und auch die reichen Ehefrauen, die sich zwischen Yves Saint Laurent und Valentino langweilen, sitzen noch zu Hause. Dies ist die Woche, in der alle noch ihren Kampfplan ausarbeiten. Diese Woche ist sicher.
Vor dem BMW-Ausstellungsraum stehen ein paar Männer, und sie haben alle diesen entrückten, entspannten Gesichtsausdruck. Sie wirken glücklich. Frauen sehe ich nicht in ihrer Nähe.
Die Boutiquen sind alle leer, und fünf Verkäufer bemühen sich um mich, ich darf so viel anprobieren und so lange damit im Laden herumgehen, wie ich will, sie bleiben freundlich.
Auf dem Rückweg stehen andere Männer vor BMW und lächeln entspannt die Autos an. Ich muss weder links noch rechts schauen, als ich über die Straße gehe, weil kaum Verkehr ist. Aus dem Strafzettel baue ich einen Papierflieger, werfe ihn in Richtung BMW und wünsche mir heimlich etwas.
Ich muss unbedingt alles in dieser Woche erledigen, solange die anderen noch zu Hause sitzen und Schlachtpläne entwerfen. Wenn sie nicht da sind, diese anderen, haben die Lichterketten wirklich etwas Beruhigendes.

"Spannende Diskussion in Kamminke - Henrike Heiland begeistert bei Krimiabend"

In der November/Dezember-Printausgabe von "Usedom aktuell" schreibt Gabriele Behr:
"Sie ist charmant und selbstbewusst zugleich - Henrike Heiland. Ihr gelingt etwas, womit so viele Künstler ihr leidiges Problem haben: Der letzte Satz der Lesung ist vorgetragen, keine peinliche Stille setzt ein, sondern die Autorin kommt sofort in ein sehr intensives Gespräch mit dem Publikum. [...] Die Autorin stellt in ihren Rückblicken u.a. auch die Kriegsgräberstätte Golm und den verheerenden Luftangriff auf Swindemünde in den Blickpunkt. 'Erstmals wird das Spannungsfeld Golm in Form eines Kriminalromans verarbeitet, ein Wagnis, das sicherlich auch in den nächsten Wochen noch viele kontroverse Diskussionen auslösen wird', ist sich Dr. Nils Köhler [Chef der Jugendbegegnungsstätte Golm] im Gespräch mit 'Usedom aktuell' sicher."

Dienstag, November 27, 2007

Rankin über den Krimi

Aus einem Interview in der Welt mit Ian Rankin:
Zeit: Sie haben früher das schlechte Ansehen kritisiert, das die Kriminalliteratur hat. Hat sich in den zwanzig Jahren Ihres Schreibens etwas verändert?
Ian Rankin: Die Lage entwickelt sich. Man kann heute in der High School literarischen Essays über Crime Fiction schreiben, z.B. über meine Bücher, auch in der Universität wird Kriminalliteratur unterrichtet und Literaturwissenschaftler schreiben Bücher darüber. Aber wir haben im Vereinigten Königreich immer noch die Trennung zwischen "Literature" und "Crime Fiction", in den Buchhandlungen etwa. Das einzige, was Krimiautoren tun können, ist immer bessere Bücher zu schreiben über ernste Gegenwartsstoffe und große Themen. Neue Autoren kommen mit neuen Ideen und Schreibweisen. Dann wird Kriminalliteratur vielleicht ernst genommen als Literatur über unsere Gesellschaft und wird auch seriöse Literaturpreise wie den Man Booker Prize bekommen.

Samstag, November 24, 2007

"Blutsünde: Usedom-Krimi mit Flair und Niveau"

Rezension auf literature.de: "Im Spannungsfeld von Rostock und Usedom entfaltet sich Henrike Heilands dritter Roman um das Ermittlerduo Kemper und Wahlberg. Sie beginnt mit einem Rückblick. Eine junge Frau verabschiedet sich im Jahre 1936 von ihrem Geliebten, sie verabreden, sich in Berlin wiederzusehen. Die Frau glaubt daran. [...] Viel von seiner Spannung bezieht der Roman aus dem langsamen Zusammenführen von diesem Handlungsstrang und den Morden, mit denen Blutsünde in krimitypischer Manier beginnt. Überhaupt gelingt der Autorin ein gelungener Einstieg in Form des jungen linksliberalen Punks Mike, der in glaubwürdiger Jugendsprache in die Geschichte einführt. [...]
Fazit: Usedom-Krimi mit Flair und Niveau."

Freitag, November 23, 2007

Eltern III

Telefonkommunikation.

HH: Seid Ihr noch in München in der Wohnung?
P: Jaja! In München!
HH: Ich glaub, ich hab so ne schwarze Hose liegen lassen.
P: Ne schwarze Hose? (Gemurmel im Hintergrund) Hier ist keine schwarze Hose von Dir. Die hätten wir doch gesehen.
HH: Komisch, die hab ich nämlich nicht im Koffer ... Sicher, dass ich die nicht hab liegen lassen?
P: Wir haben hier keine gefunden. Die fällt doch auf, so ne schwarze Hose.
HH: Ich hab aber schon überall geschaut, die war definitiv nicht in meinem Koffer, und in München hatte ich sie noch.
P: Das kann überhaupt gar nicht sein. (Gemurmel im Hintergrund) Nee, ganz sicher. Keine schwarze Hose.
HH: Kannst Du nicht doch noch mal schauen?
P: Das ist grad ganz schlecht.
HH: Sag mal wo seid Ihr denn?
P: Im Getränkemarkt.
HH: Na dass da keine schwarze Hose von mir ist ... Im Gästezimmer! Im Oberschrank ganz links, da hatte ich die liegen!
P: Ach im Schrank! Da kann ich jetzt nicht schauen. Wir sind ja im Getränkemarkt.
HH: Aber nachher doch!
P: Ja, aber jetzt sind wir doch im Getränkemarkt, und da kannst Du doch noch mal bei Dir schauen, ob sie nicht doch ...
HH: Ich HAB schon dreimal!
P: Wir haben keine ...
HH: Im SCHRANK!
P: Da haben wir noch nicht ...
HH: Dann SCHAU halt!
P: Aber wir sind doch im Getränkemarkt ...
HH: Nachher! Und dann noch mal anrufen!
P: Jetzt geht das aber gerade nicht, und gesehen haben wir sie auch nicht, ich glaub ja nicht, dass ...
HH:(legt auf)

Mittwoch, November 21, 2007

Eltern II

In der Münchener Heiland-Dependance

Sie: Warum hast Du denn über eine Stunde im Media Markt gebraucht? Du wolltest doch nur den Fernseher von der Reparatur abholen. Wo ist überhaupt der Fernseher?
Er (Bluthochdruck): Ha! Der Fernseher! Nicht repariert war der! Denen hab ich vielleicht was erzählt! Garantiefall, hab ich gesagt, und die wollten Geld von mir, für einen nicht reparierten Fernseher, und sagen mir noch, ich sei dran Schuld, dass das Ding kaputt ist, und deshalb ist es kein Garantiefall, und um mir das zu sagen, wollen sie schon Geld von mir … […] …hab ich den Geschäftsführer verlangt, hinter mir war schon eine Schlange, zwanzig Leute standen da und hatten so Ohren, die haben alle gehört, was das für ein scheiß Laden ist, und als dann der Geschäftsführer kam … […] … und ich sage zu ihm, das ist doch Ihre scheiß Politik, Ihre scheiß Media Markt Politik, aber wissen Sie was, ich lass mich von Ihnen nicht verarschen, ich bin doch nicht blöd, und da hat er vielleicht gekuckt, hinter mir schon fünfzig Leute … […] … und sagt der auch noch, ich sei dran Schuld, die Bildröhre sei kaputt, die sei teurer wie der ganze Fernseher, kein Garantiefall, der sei mal runtergefallen, sag ich zu ihm, der ist nicht runtergefallen, ich merk doch wohl, wenn mir mein Fernseher runterfällt, der ist Ihnen runtergefallen, jawohl, nicht mir, ich werde doch wohl wissen, wann mir mein Fernseher runterfällt! Verarschen wollen die mich, das ist doch Politik! Jedenfalls meldet er sich morgen und überlegt sich was wegen dem Fernseher. Also was denkt der sich, ich merk doch, wenn mir der Fernseher runterfällt.
Sie: Der Fernseher IST letztens runtergefallen.
Er: (Schockstarre, dann:) Was?
Sie: Ja, XXX war doch im August hier und hat dann angerufen, dass ihr der Fernseher von dem kleinen Tischchen gerutscht ist.
Er: Echt?
Sie: Deshalb ist er doch kaputt gegangen.
Er: Oh.
Sie: Das hab ich Dir aber gesagt. Und jetzt?
Er: Nix. Da geh ich nicht mehr hin. Ich geh einfach nicht mehr ans Telefon und geh auch nicht mehr in den Media Markt.

Montag, November 19, 2007

Eltern

Ha Long, München, zwischen Orangenente und gebratenen Nudeln

Dramatis Personae:
Eltern (zwei)
HH

Sie: Das heißt, wir gehen jetzt schon wieder nach Hause, weil Fußball im Fernsehen kommt?
Er: Ja, das ist wichtig!
HH: Ach deshalb wolltest Du schon um sechs Essen gehen?!
Sie: Also Du mit Deinem Fußball! Dann will ich aber kein Gemecker mehr hören, wenn ich meine Verbotene Liebe schaue.
Er: Das ist doch was ganz anderes. Verbotene Liebe ist totaler Quatsch. Da kann man auch mal eine Folge verpassen.
Sie: Wieso?
Er: Na, da geht’s doch eh immer nur um dasselbe. Kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht.
Sie: Beim Fußball auch: Treffen sie oder treffen sie nicht.
Er: Aber da passiert wenigstens was!
Sie: Bei Verbotene Liebe auch, und zwar ganz viel!
Er: Ach, was denn? Jede Folge ist da genau gleich!
Sie: Pah, was passiert denn schon beim Fußball? Da ist auch jede Folge genau gleich: Grüner Rasen, ein Ball, und ein paar Wahnsinnige, die gegen das Ding treten.
Er: Aber das ist spannend! Da geht’s um ganz große Emotionen!
Sie: Verbotene Liebe ist auch spannend. Und hat auch ganz große Emotionen.
HH: Läuft die Diskussion darauf raus, dass Fußball und Verbotene Liebe in der Essenz so ziemlich dasselbe sind?
Sie: Genau!
Er: Ich bestell lieber noch ein Bier.

Freitag, November 16, 2007

Anämische Begleiterscheinungen

Im Ärztezimmer.
Dramatis Personae:
HH
Oberarzt

HH: Manchmal hab ich das Gefühl, Medizin hat so ein bisschen was von Kaffeesatzlesen, kann das sein?
OA: Unsinn. Die Medizin ist eine exakte Wissenschaft.
HH: Hätt ich’s vielleicht doch mal studieren sollen.
OA: Stand das zur Debatte?
HH: Nicht einen einzigen Tag. Aber so rückblickend …
OA: Was haben Sie denn stattdessen?
HH: Literaturwissenschaften, so Zeugs.
OA: Nicht wirklich die Sorte exakte Wissenschaft.
HH: Deshalb kommt mir das Kaffeesatzlesen ja auch so bekannt vor, was Sie machen.
OA: Ich hab hier Laborwerte und Statistiken, das hat schon alles seine Richtigkeit. Was machen Sie denn jetzt mit Ihrem Zeugs, ähm, Studium?
HH: Bücher schreiben.
OA: Ah, dann können Sie ja demnächst mal …
HH: … was über Ärzte schreiben?
OA: Ja, woher wissen Sie, dass ich …
HH: Sie sind nicht der erste.
OA: Ach. Gibt’s etwa schon Arztromane?
HH: Scherz, oder?
OA: Bisschen. So, hier haben wir Ihre Werte … Oh!
HH: Oh?
OA: Erstaunlich.
HH: Geht’s auch mit weniger Kaffeesatz?
OA: Der Wert hier, sehen Sie, der hatte uns ja so viel Ärger gemacht, der ist jetzt wieder fast normal.
HH: Das ist doch …!
OA: Eigentlich dauert es drei Monate, nicht drei Wochen, bis der da ist, wo er jetzt ist, von da, wo er vorher war, meine ich.
HH: Aaaaaah, ich bin ein medizinisches Wunder?!
OA: Bevor Sie sich jetzt auf der Titelseite von der Bild sehen …
HH: Das Heiland-Wunder!
OA: Ah verdammt, Sie heißen ja auch noch Heiland!
HH: Toll, was?
OA: Also. Bevor Sie sich jetzt auf der Titelseite sehen, statistisch gesehen kann das schon mal vorkommen.
HH: Dann bin ich also nur eine von soundsoviel Prozent?
OA: Ich sag mal so: Sie sind nicht die erste oder einzige.
HH: Und woran liegt’s?
OA: Da könnte man jetzt spekulieren …
HH: Bei ner Tasse Kaffee? Exakte Wissenschaft, ja?

Out now - Schweriner Kurzkrimis

Unter dem Titel "Der Petermännchenmörder" ist soeben ein Kurzgeschichtenband mit Krimis aus Mecklenburg erschienen. Darin sind die zehn Gewinner des von der Buchhandlung Weiland ausgeschriebenen Wettbewerbs, und als Bonustrack sozusagen eine winzige Story von Henrike Heiland, die in direktem Zusammenhang mit den Rostock-Romanen steht.
Erhältlich bei allen Weiland-Buchhandlungen oder zu bestellen mit der ISBN-Nummer 978-3-87890-124-2.

When Under Ether

Drei Vollnarkosen in vier Wochen haben Nebenwirkungen, vor allem auf die psychische Beschaffenheit. Bei der ersten noch diskutiere ich mit dem Anästhesisten über meinen Unwillen, mich diesem vollkommenen Kontrollverlust auszuliefern.
„Hat man Ihnen so eine blaue Tablette gegeben?“, fragt er.
Ich nicke eifrig.
„Wirkt nicht bei Ihnen“, murmelt er, deutlich unwirsch, während ich ihm erkläre, dass ich Krankenhäuser, Ärzte, Narkosen und Operationen im Grunde ablehne und gerne wieder gehen würde. Er dreht eilig an irgendeinem Dings, das mit dem Tropf verbunden ist, und ich bin schneller weg, als mir recht ist.
Bei der zweiten ist es ein anderes Krankenhaus und eine andere blaue Tablette.
„Wirkt sie?“, fragt der Anästhesist, und ich sage: „Keine Ahnung, was passiert denn, wenn sie wirkt?“
„Gut, sie wirkt also nicht“, stellt er fest und will wissen, wie es mir geht. Diesmal behalte ich meine Meinung über Krankenhäuser, Ärzte, Narkosen und Operationen für mich und sage nur, dass ich Kopfschmerzen, Atemnot und weitere typische Anzeichen für eine Panikattacke habe.
„Ich habe auch Kopfschmerzen“, sagt er und bereut es sofort, weil ich wissen will, seit wie vielen Stunden er schon im OP rumsteht. Achtzehn? Zwanzig? Er beteuert, noch in der ersten Zwölfstundenschicht zu sein und verspricht mir, gut auf mich aufzupassen.
„Denken Sie an was Schönes“, sagt er. „Bei dreißig Prozent klappt’s, dass sie davon träumen.“
Ich denke an Fife, gehöre aber nicht zur Minderheit. Ich träume von München, stelle fest, dass ich die ganze Zeit schon in München bin und finde mein Unbewusstes nicht sonderlich einfallsreich.
Bei der dritten hat man mir keine blaue Tablette verordnet, und der Anästhesist weiß schon, dass ich Angst habe. Weil er sich an mich erinnert oder weil die Schwester seit fünf Minuten meine Hand tätschelt und mir eine Einführung in die verschiedenen Narkosearten gibt, die ich nicht hören will. Eigentlich sollte ich mich langsam auskennen, aber ich strample wieder unwillig, als die Maske auf mich zukommt und glaube kein Wort davon, dass es sich erstmal nur um Sauerstoff handelt. Der Anästhesist versichert, es sei völlig normal, Angst zu haben. Ich behaupte, nur Menschen zu kennen, die tolle Geschichten über Vollnarkosen erzählen, aber er weiß: „Bei mir hatten sie bis jetzt noch alle Angst.“
Das beruhigt vorerst, und ich hauche noch etwas von möglichen Panikattacken. Der Anästhesist tätschelt jetzt meine andere Hand, und dann bin ich auch schon wieder im Aufwachraum und frage, wann es losgeht. Auf der Station schlafe ich glatte fünf Stunden und träume Psychedelisches, zum ersten Mal in meinem Leben. Eine Siebzigerjahrekulisse vorwiegend mit rotschwarzweißen Spiralen, in denen ich mich verlaufe, während die Yellow Submarine unter Regie der Coen-Brothers vorbeikommt. Alice ist wieder im Wunderland, ich hüpfe über ein schwarzrotes Schachbrett, wo in den Spielfeldern um mich herum kleine weiße Hasen verschwinden.
Zwischendrin werde ich immer wieder kurz wach und sehe die Friseurin im Bett neben mir (aus bei Landshut, macht in L’Oréal und Wella) Harry Potter lesen. Manchmal sehe ich sie auch ihren Katheter spazieren tragen und tief seufzen. Die psychedelischen Träume hören erst gegen Nachmittag auf, und ich versuche, mich an den Namen des Anästhesisten zu erinnern, weil ich wissen will, was er mir diesmal gegeben hat, oder ob einfach die Narkosenhäufung Schuld ist.

Freitag, November 09, 2007

Tauchstation

Man lernt ja viel in so einer Zeit. Unter anderem, wie internetsüchtig man in Wahrheit ist. Ich würde so gerne, aber es geht leider nicht.
Ich bitte daher um Verständnis, dass ich aufgrund begrenzten Internetzugriffs nicht alle Mails beantworten kann, das muss warten bis – ja. Bis, eben.
Danke an alle, die an mich denken, ein bisschen brauch ich noch Eure mentale Unterstützung. Die hilft nämlich, ehrlich.
Also: weitermachen, bitte.
Sehr gerührt:
H.

Zweiklassengesellschaft

Vorm Schwesternstützpunkt

Dramatis Personae:
HH (in Mantel und Schal, wartet auf den Oberarzt)
Assistenzärztin (verehrt den Oberarzt)

A (giftig): Was wollen Sie? Sind Sie Studentin oder was? Stehen Sie hier nicht so rum!
HH: Ähm, ehrlich gesagt bin ich seit zehn Jahren aus dem Studienalter raus, und ich steh hier rum, weil ich einen Termin mit dem Oberarzt Dr. X habe.
A: Mit dem Dr. X? Persönlich?
HH: Ja, also so um… jetzt, eigentlich.
A: Sind Sie… privat?
HH (versteckt schnell gesetzliches Krankenkassenkärtchen und wirft vielsagenden Blick an die Decke)
A: Aaaaaaah, entschuldigen Sie, also in dem Fall… Wollen Sie sich nicht setzen? Gleich hier? Ist das bequem so? Haben Sie was zum Lesen? Und da vorne gibt es was zu trinken… Was hätten Sie denn gerne? Tee? Wasser? Vielleicht haben wir auch noch Kaffee… (brüllt) Schwester! Kaffee für Frau… (sanft) Wie war noch gleich…
HH: Heiland, und ich trinke keinen Kaffee, danke. Ich warte nur.
A: Oh. Ja. Gut. Also, falls Sie was brauchen, wir sind jederzeit…
HH: Klar.
A: Und ich suche den Herrn Doktor.
HH: Super.
A: Und wenn Sie was trinken wollen…
HH: Ich weiß. Hagebuttentee steht da vorn.
A: Ich kann Ihnen auch Rotbusch oder…
HH: Einfach nur den Herrn Doktor, das reicht mir.
A: Sehr wohl. Kommt sofort.
HH (weiß, dass sie niemals in die Private wechseln kann und genießt den seltenen Moment): Danke.

Globalisierung

Auf der Kirchweih in der Oberpfalz. Die Blaskapelle spielt auf.

„Mei, hast du den Schwarzen da gesehen?“
„Der ist aus Kalifornien. Der besucht uns jedes Jahr.“
„Der spielt ja die Tuba! Dass der das kann, so ein Amerikaner.“
„Wieso? Kennt man die Tuba nicht in Amerika?“
„Das ist doch ein ganz ein bayerisches Instrument ist das doch!“
„Die Tuba?“
„Und dass der das alles so spielen kann, dieser Amerikaner.“
„Was denn?“
„Na das sind doch alles so ganz bayerische Lieder sind das doch alles.“
„Und?“
„Ja, wie kann der das denn spielen, frag ich. Das ist doch ein Amerikaner, ein schwarzer.“
(genervt) „Wahrscheinlich hat er englische Noten.“
(erleuchtet) „Aaaah, das könnt’s sein.“


(Das ist eigentlich Meggies Geschichte. Danke, Meggie.)

Samstag, Oktober 20, 2007

Pause

Mein Körper macht gerade Sachen, über die ich mich mit ihm länger und ausführlicher unterhalten muss. Daher Rückzug und eine Weile Pause...
Denkt an mich!
H.

Donnerstag, Oktober 18, 2007

Malzbier (Heimat)

Dramatis Personae:

HH
Papa

HH: Hm, ich hätt so gerne ein Malzbier, ich fahr mal zum Getränkemarkt.
P: Was denn, um die Zeit?
HH: Ist doch erst neun.
P: Ja eben!
HH: Haben die nicht bis zehn…?
P: Nä!
HH: Und die Tankstellen?
P: Seit zwei Minuten nicht mehr.
HH: Oh… Alle?
P: Naja, in Wetzlar, aber das ist doch jetzt zu weit.
HH: Das sind keine zehn Kilometer!
P: Aber um die Zeit! Wegen nem Malzbier! Kein Mensch fährt um die Zeit nach Wetzlar an die Tankstelle wegen nem Malzbier! Trink doch ein normales Bier!
HH: Ich trinke NIE normales Bier, das find ich doof!
P: Du kannst ruhig auch mal was so machen, wie das andere Leute machen.
HH: Pfff. Ah ich weiß was. Unten die Gaststätte, die haben Malzbier!
P: Du willst Dich doch jetzt nicht in die Kneipe setzen und ein Malzbier trinken?! Ganz allein?!
HH: Nee, die haben das bestimmt in Flaschen, dann kauf ich einfach da eine Flasche.
P: Das geht nicht.
HH: Wieso nicht?
P: Das kann man doch nicht machen.
HH: Wenn ich dafür bezahle, kann ich doch eine Flasche Malzbier mitnehmen!
P: Kein Mensch geht in eine Kneipe und kauft eine Flasche Malzbier!
HH: Und warum nicht? Wenn doch alles andere zu ist?
P: Das geht nicht! Was sollen die denn von Dir denken!
HH: Die kennen mich doch gar nicht!
P: JEDER kennt Dich hier!
HH: Wär Dir das peinlich oder was?!
P: Peinlich, was heißt denn da peinlich, das wär halt… Das macht man nicht!
HH: Sag mal, Du findest mich schon irgendwie komisch, kann das sein?
P: Ich muss jetzt mal hier… Da ist Fußball im Fernsehen… Ich kann jetzt nicht…

Mittwoch, Oktober 17, 2007

Dienstag, Oktober 16, 2007

Dinge, die mich schon mit 14 genervt haben:

Bei meinem ersten und letzten Depeche Mode-Konzert war ich ungefähr 20 Minuten, damals, vor 18 Jahren. Meine Freundin Kerstin wollte unbedingt hin, ich wollte unbedingt nicht hin, wurde aber überstimmt. Wir erwischten einen Einlass der Frankfurter Festhalle, der uns direkt vor die Bühne beförderte. Noch während der Vorband war alles gut. Man hatte Platz, es war ruhig, keiner achtete auf das, was auf der Bühne geschah, sehr schön. Als der DM-Auftritt näherrückte, tat es auch die Meute, bestehend aus kleinen Mädchen etwa in meinem Alter. Sie hatten Teddybären dabei und sagten Dinge wie: Beim letzten Mal stand ich auch schon in der ersten Reihe, und da hat er mich die ganze Zeit angeschaut, bestimmt erkennt er mich jetzt wieder. Sie stritten, wer seinen Teddy zuerst wohin werfen durfte. Die Mädchen drängten immer weiter vor, und ich fand mich unfreiwillig gegen die Absperrung gequetscht. Als die Herren endlich erschienen, hatte ich plötzlich ganz viel Platz: Um mich herum waren alle in Ohnmacht gefallen. Die Sanitäter zogen die Mädchen nach draußen, ich folgte irgendwann, desinteressiert, vertrieb mir die Zeit bei McDonald's, bis auch Kerstin endlich auftauchte, und ja, das war mein erstes und letztes Depeche Mode-Konzert.
Jetzt sind diese kreischenden Mädchen mit dem Depeche Mode-Fimmel älter geworden und machen solche Dinge mit ihren Autos.

Disney-Schloss, Braunfels





Fachwerkterror

Wie soll man denn da... Also, kein Wunder, dass ich... Oder??? Aufwachsen in der Postkarte, Teil 1. Wo's ist, steht drunter.





Wetzlar, Brotschirn
Am Schillerplatz, Wetzlar
Irgendwo in Lich
Irgendwo in Lich
Braunfels, Marktplatz unterm Schloss
Ähm, Braunfels, oder? (Überblick verloren)
Geranio in Braunfels. Macht super Essen

Nochmal irgendwo in Lich

Ausflug nach Oberhessen

Da kommt ja das Bier her, das berühmte. Licher. Aus dem Herzen etc. Also aus Lich. Im Schloss wohnt der Graf zu Solms-Hohensolms-Lich. Und so sieht's da aus, bei dem Grafen zu Hause:
Privatresidenz
Bisschen weiter um die Ecke, immer noch historische Altstadt: Zahnärzte. Kreative Nutzung denkmalgeschützter Bausubstanz. Hervorragend.
Kreative Altstadtnutzung
Licher Bier-Serie:
Ja. Überall.
Aus dem Herzen der Natur
BitLicher
Das mit den Bitburgerkästen hab ich nicht ganz verstanden.
(Mein Papa sagt gerade: Die Bitburger sind die Chefs von Licher, die haben die Mehrheit übernommen. Aha.)

Kindheit revisited

Tja. Die alte Lahnbrücke. Beliebtes Fotomotiv, aber eigentlich mehr von der anderen Seite, damit man die Altstadt und den Dom besser drauf hat. War aber zu faul, rüberzulaufen.
Eisenmarkt. Am Eisenmarkt. Früher stand man dort und unterhielt sich stundenlang, quasi im Vorbeigehen, nicht ohne durchgehend anzumerken, man habe gar keine Zeit. Heute hat auch der Wetzlarer das ImOderVormCaféSitzen für sich entdeckt, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen (weil, im Café saß man früher nur, wenn man zu viel Zeit oder zu viel Geld hatte, arbeitslos oder Rentner war). Es gibt sogar Feinkost- und Bioläden, und manche Menschen sprechen von Wellness und solchen Dingen. Doch, es ändert sich etwas. Nur eben immer ein bisschen später. Ca. 10 Jahre im Schnitt.
Der Dom. Nie vollendet.
Der Wetzlarer Dom, nie vollendet, nicht wirklich schön, aber immerhin Wahrzeichen und von gewissem architektonischen Interesse, weil so ziemlich jeder Baustil vertreten.
Es gab mal Arbeit
Es gab auch mal Arbeit. Leitz, Buderus, Hensoldt. Da arbeitete dann jeder. Im Grunde kategorisierten sich die Wetzlarer ein in "Der ist doch bei Buderus" oder "Der ist doch bei Leitz" (das hieß damals noch Leitz und hatte nichts mit den Ordnern zu tun, jetzt heißt es Leica) etc. Genaue Berufsbezeichnungen erübrigten sich, das war nicht so wichtig. Es gab auch mal zwei große Bundeswehrkasernen und im nicht weit entfernten Gießen einen Natostützpunkt mit vielen Amerikanern. Irgendwann gab es das alles nicht mehr so richtig, und dann, naja, änderte sich vieles.
Musikschule
Meine alte Musikschule. Die sah nicht immer so schön aus. Die wurde eigentlich ständig umgebaut und renoviert. Eine Weile musste ich über die Feuertreppe raufklettern, weil die Haupttreppe gemacht wurde. Ich hatte das schon erwähnt, das mit der Höhenangst?
Klassik Knell
Bei Klassik Knell wurden immer alle Noten gekauft. Und die CDs dazu (früher Schallplatten, aber er war einer der ersten mit CDs, jawohl.) Knell dirigierte auch ein Orchester, mit dem ich hin und wieder, Haydn, Beethoven, Bach, solche Sachen, sogar mal Saint-Saens, aber das ist nun auch schon so lange...

Donnerstag, Oktober 11, 2007

Klischees

Frankfurt, Buchmesse

Dramatis Personae:
R (Lokalreporter)
B (schwuler Buchhändler)
HH

R: So, meine erste Frage: Frauen und Krimis.
HH: Aha?
R: Ja.
HH: Und die Frage war noch mal wie genau?
R: Warum.
HH: Warum was?
R: Warum schreiben Frauen Krimis?
HH: Äh, aus demselben Grund wie Männer? Weil’s Spaß macht?
R: Nein, nein. Das stimmt doch so nicht.
HH: Oh, na gut …
R: Frauen schreiben doch ganz anders als Männer.
HH: Tun sie?
R: Natürlich!
HH: Die Frage hat mir ehrlich gesagt heute schon mal jemand gestellt, und ich hab sie nicht beantwortet.
R (ganz Quizmaster): Aber die Antwort ist ganz einfach!
HH: Die Antwort ist ganz einfach?
R: Na, Frau Heiland! Das liegt doch auf der Hand!
HH: Also das find ich jetzt irgendwie … Das sind doch lächerliche Klischees …
R: Klischees! Es ist die Wahrheit! Wir Männer sind einfach zu viel mehr Brutalität bereit, wir sind …
B (unterbricht): Juuuuuhuuuu! Rieke, mein Engelchen! Sag mal, Käffchen nachher? Ich MUSS Dir unbedingt von gestern Abend erzählen, dieser eine Typ bei mir im Hotel … Oh GOTT, diese Handtasche! Wo hast Du die gekauft! Ich will auch so eine! Also bis gleich, Bussi! (rennt weg)
HH (zerstreut): Ähm … Wo waren wir?
R: Egal. Nächste Frage.

Dienstag, Oktober 09, 2007

Frühstück (Heimat reloaded)

Morgens um elf, man hat noch Dinge zu Frühstückszwecken stehen lassen, von denen man annimmt, dass ich sie verwerten könnte. Nach zweiunddreißig Jahren liegt man auch nicht mehr ganz so schlimm daneben, vielleicht liegt es aber auch an der Stiefmutter, die sich solche Dinge einfach besser merken kann.
Niemand ist zu sehen, auf dem Küchentisch liegt ein Zettel, und die ersten Worte lassen mir den Atem stocken: Auf der Suche nach der verlorenen... steht da, und ich denke in diesem Bruchteil einer Sekunde, bevor ich weiterlese, ich denke Proust? Mein Vater? Das kann nicht! Nicht nach Jahren endloser Vorträge über die Sinnlosigkeit eines Literaturstudiums und die Brotlosigkeit meiner Talente. Das kann nicht!
Brille, endet der Zettel, und ja, das ist er, so kenne ich ihn, niemand hat je so viele Brillen gesucht und verloren wie mein Vater, er ist eigentlich schon seit ich ihn kenne auf der Suche nach der verlorenen Brille. Ich kann wieder atmen, und alles um mich herum wird wieder ganz normal, zum Beispiel klingelt ein fremder Mann und wundert sich, dass ich noch im Schlafanzug bin, und ich wundere mich, dass er sich wundert, aber ich bin ja in Burgsolms, wo alle um sieben aufstehen, dann kommt mein Vater und erzählt die Geschichte von der verlorenen Brille, die er natürlich nicht gefunden hat, ich erzähle ihm von Proust, er schaut irritiert, ich fühle mich fremd, genau, zu Hause.

Sonntag, Oktober 07, 2007

Burgsolms (Herkunft reloaded)

Burgsolms gehört mit vier weiteren Dörfern zur Stadt Solms und liegt an der Lahn. Es gibt noch den Solmsbach, der mündet dann in der Lahn. Die anderen Dörfer hören auf die schönen Namen Oberndorf (mit Burgsolms traditionell verfeindet), Niederbiel (mit Oberbiel traditionell verfeindet), Oberbiel (mit Niederbiel usw.) und Albshausen (mit Steindorf traditionell verfeindet, Steindorf gehört zu Wetzlar, und da gab es bis in die 70er noch das Gasthaus Heiland, genau). Burgsolms ist das größte der Dörfer und heißt deshalb Burgsolms, weil die Solmser Burg mal dort stand. Eine Wasserburg, in der die Edlen von Solms wohnten. Nicht besonders lange, denn die Burg wurde schon im Mittelalter zerstört und nicht mehr so richtig aufgebaut. Zuletzt blieb noch die Storchenmauer unten am Solmsbach, aber die zerbröselte fröhlich, also trug man sie in den 50ern kurzerhand ab. Irgendwann baute man eine breite Straße durch Burgsolms und riss zu diesem Zweck einige schöne Fachwerkhäuschen ab, um Flachdachbauten (hässlich) hinzubauen. Seitdem ist es nur anderswo schön. In Braunfels, zum Beispiel. Oder in Wetzlar. Aber nicht mehr in Solms.
Wer heute Solms hört, denkt an Otto Graf Solms, aber der hat seinen Stammsitz in Lich, weil seine Familie irgendwie zu der Solms-Hohensolms-Lich-Linie gehört. Das ist eine andere als die Solms-Braunfelser-Linie, die haben aber auch ein nettes Schloss, so ist es ja nicht.
Solms gehört zum Lahn-Dill-Kreis und hat etwas über 13.000 Einwohner. Durch die Aufteilung in fünf Dörfer kennt man sich natürlich. Man kennt besonders solche, die Heiland heißen, von denen gibt es in Solms nämlich exakt eine Familie, weil die Heilands ursprünglich aus Wetzlar (Steindorf, zum Beispiel) kommen. Es gibt noch eine Heiland, die sich aber mit dem Namen ihres Ehemanns für Nichtwissende unkenntlich gemacht hat. Die Wetzlarer (und Solmser) Heilands sind so ziemlich alle untereinander verwandt, nicht aber mit den Braunfelser Heilands. Ich sage deshalb so ziemlich, weil es bei Weltbild neuerdings eine Frau Heiland gibt, die auch nicht mit dem Rest verwandt ist. Heilands werden also gerade von Fremdheilands unterwandert.
Wie gesagt, Heiland heißt nur eine Familie in Solms, und weil es so klein ist, kennt man sich, und der Postbote braucht nicht mal eine Adresse. Heiland in Solms, das kommt garantiert an. Es ist so klein dort, dass alle im Dorf besser wissen, wann man nachts nach Hause kommt, als man selbst. Eigentlich wissen die anderen im Dorf immer alles viel besser, auch wenn die früheren Verteiler wie Bäcker Becker und die Metzgerei Keller dem großen Edeka und dem angrenzenden Aldi weichen mussten. (Der Metzger Gerth in Oberndorf hatte eh immer die bessere Mettwurst, muss man ja auch mal so sagen.) Die Solmser fahren zum Einkaufen (nicht Lebensmittel, alles andere) immer nach Wetzlar, das kennen sie nicht anders. Besonders, seit es in Wetzlar das neue Forum gibt, so eine Einkaufsarkade, die den Einzelhandel kaputtmacht. Das findet jeder doof und kauft trotzdem da ein, weil man die erste Stunde kostenlos parken kann, anders als in der Wetzlarer Altstadt, die übrigens recht apart ist, auch wenn Goethe sie richtig scheiße fand.
Zurück zu Solms, Burgsolms. Dort gibt es zwei bis drei Italiener, eine halbe Eisdiele, eine Videothek und einen Schuhladen mit Gesundheitsschuhen. Eine Drogerie, eine Apotheke, zwei Blumenläden (ein dritter auf der Grenze zu Oberndorf), noch ein paar andere winzige Geschäfte und sogar zwei bis drei Kneipen, in die man aber, wenn man unter fünfzig oder über fünfzehn ist, nicht gehen kann. Glaube ich. Dann gibt es noch zwei Kirchen, friedlich nebeneinander, und eine Gesamtschule. Einen Kindergarten. Nun, es gibt eine Menge in Burgsolms. Sogar eine Tankstelle und zwei Waschanlagen. Den erwähnten Edeka (oder war's Rewe?) und auch den Aldi. Eine Sternwarte, das ist nicht gelogen.
Vor allem gibt es aber eine Menge Menschen, die mich noch aus der Zeit kennen, als ich in Windeln von meinen Eltern im Kinderwagen durch den Ort geschoben wurde. Als ich noch rotblonde Zöpfchen mit Kirschhaargummis und Sommersprossen hatte. Als ich noch mit der verbeulten Milchkanne zum Bauern getapert bin und zwei Stunden brauchte, weil ich auf dem Heuboden mit den kleinen Katzen spielen musste, oder mit die neuen Kälbchen und Ferkelchen angeschaut hab. Als ich noch meine Pubertät mit Hilfe eines großen schwarzen Huts und anderer schwarzer Kleidungsstücke versuchte zu überleben.
Und da frage ich mich jedes Mal, ob das so eine gute Idee ist. Dann auch noch für drei Wochen.

Blick aus meinem Fenster. Kein Witz.

Freitag, Oktober 05, 2007

Sprachbarrieren

Die Scotch Malt Whisky Society in Edinburgh hat ein Clubhaus in Leith, ein anderes in der Queen Street. Man kann dort auch für viel Geld etwas essen, aber das erledigen wir dann doch lieber anderweitig und freuen uns auf den Whisky.
Es ist an diesem Abend feine Gesellschaft in der Queen Street anwesend. Frauen in Etuikleidern und Perlenketten, die immer, wenn sie lachen, die Fingerspitzen der linken Hand zum Dekolleté führen, um anschließend minutenlang an der Perlenkette herumzufingern. Die Herren sind fein geputzt, tragen die Krawatten ihrer ehemaligen Schulen oder Universitäten und stehen meist. Wir verziehen uns in einen Nebenraum, weil David nicht stehen will und ich keine Perlenkette habe. Zwei andere sitzen dort schon in der Ecke und flüstern ein bisschen, erstmal. Ich denke: Sie sehen deutsch aus. Sie sind es auch.
Der eine fühlt sich deutlich fehl am Platz und weiß nicht, wie er sich hinsetzen soll. Was eigentlich nicht schwer ist bei den riesigen Ledersesseln: einfach versinken. Der andere, deutlich der dominantere, erklärt seinem Freund die Welt, das Leben und die Frauen und hört auf zu flüstern, als er David ganz richtig als Schotten ausmacht. Mit steigendem Whiskyverbrauch erhöht sich die Lautstärke der beiden um ein weiteres.
Jetzt lästern sie über ihre Exfreundinnen, und ich glaube ihnen nicht, dass es so viele gewesen sein sollen. Nach einem weiteren Glas reden sie über die anwesenden Frauen, und ich fange an, mich zu ärgern. Es gibt Dinge, die will man über sich nicht hören.
David sagt: They do look German, don’t you think?
Er kennt sich aus mit Deutschen. Er verbringt einen nicht geringen Teil seiner Astronomenlaufbahn am Eso in München. Er hat die deutschen Stereotypen abgespeichert und sortiert die beiden richtig ein.
Er sagt: Don’t give yourself away, you’d spoil everything.
Und ich ärgere mich ein bisschen, weil ich gerne aufstehen und ihnen den Wasserkrug übergießen möchte. Aber dazu bin ich zu gut erzogen. Also verrate ich nichts, wie verlangt.
Dann gehen sie, nicht ohne noch zwei, drei ungezogene Dinge über ihre Manneskraft, haha, zu sagen. Sie müssen an uns vorbei, und David lächelt sie an, sagt: You won’t believe it, but she speaks fluent German! Ich lächle auch, und die beiden purzeln, hochrot im Gesicht, die Treppe hinunter.
Die Whisky Society hat nun zwei Mitglieder weniger, aber irgendwie ist das nicht so richtig schlimm, glaube ich. Der eine war sowieso nur zu Besuch.

Mittwoch, Oktober 03, 2007

Interviewing IR - Nightmare Vision

HH (struggles for words): …
IR (taps his foot impatiently): Yeees?
HH: Erm … (coughs) Well, I … erm …
IR: You're interviewing me. Or rather, you're supposed to. You've been sitting here for five minutes saying nothing. Maybe you could start with a few questions? What do you think?
HH: Erm … I guess …
IR: Some journalists make notes before the interviews. You know, they write down their questions so that they know what to ask. See?
HH (rummages frantically through handbag): Oh, I … erm …
IR: You forgot.
HH: Y-yes …
IR: And your recorder? I mean, you didn't plan to write down my answers in shorthand? Especially as you don't seem to have anything to write on you?
HH: A recorder? Oh …!
IR: I see. Anyway … (helpfully) You could ask me something about my new book.
HH: Oh, right! … So … There's a new book, then?

IR (rolls eyes): I thought that's why we were here!
HH: Oh. Right. Erm …
IR: Just ASK me something! Anything!
HH: Erm … So … You like … erm … whisky, eh?
IR: Next question will be about my favourite colour, then?!
HH: Oh! That's … Well, yes, if you like …
IR: That was meant to be a joke.
HH: Ah! I see! Haha! Funny!
IR (rubs his temples): Someone'd better get me out of here. Now!

Montag, Oktober 01, 2007

Hochdruckkreativität

Es ist gar nicht so lange her, da las ich irgendwo einen Artikel über kreatives Schaffen unter Zeitdruck. Eine Illusion sei dies, hieß es. Unter Druck würden keinesfalls bessere Ideen entstehen. Schade, dass ich den Artikel nicht mehr finde. Gerade bin ich nämlich mal wieder über einen der vielen Gegenbeweise gestolpert: George Gershwins "Rhapsody in Blue".
Es war im November 1923, als Gershwin die Anfrage bekam, ein Jazzstück für Klavier und Orchester zu schreiben. Die Uraufführung war geplant für den 12. Februar 1924. Gershwin weigerte sich aus Termingründen, bis sein Bruder Ira bald darauf Georges Namen in der Zeitung las: Dass Gershwin bereits an einem Konzert arbeite, einer Symbiose aus Jazz und Klassik. Eine Zeitungsente! Aber der gute George wollte sich nicht lumpen lassen, setzte sich hin und komponierte – unter Hochdruck. Rechtzeitig fertig wurde er selbstverständlich auch. Und dann war es zu allem Überfluss auch noch ein Riesenerfolg. Ende 1924 war das Stück bereits 84 Mal aufgeführt und die Aufnahme über eine Millionen Mal verkauft worden. Die anderen Stücke, die an jenem Abend ebenfalls uraufgeführt worden waren, sind mittlerweile in Vergessenheit geraten, vielleicht mit Ausnahme von Elgars "Pomp and Circumstances". Aber mal ehrlich.
Kurz: Ohne Druck keine "Rhapsody in Blue". Gershwin wäre nie auf die Idee zu diesem Orchesterstück gekommen, hätte man ihn nicht dazu gezwungen und ihm – schöne Motivationsidee, übrigens – zwischendurch auch noch gesagt, sein ärgster Rivale arbeite an etwas ganz ähnlichem. Es muss also doch etwas dran sein an der erhöhten Kreativität und der drängenden Deadline.
Und noch was: Die "Rhapsody in Blue" war eine Auftragsarbeit. Das ist vielleicht auch ein paar Gedanken wert. Aber heute nicht mehr.

Kulturelle Unterschiede in Notsituationen

Allergiker haben es in Deutschland nicht leicht. Sie werden meistbietend belächelt und am Ende gar als jämmerliche Waschlappen verhöhnt. In Großbritannien ist das anders. Jeder kann mit dem Begriff Antihistamine etwas anfangen, denn sie sind elementarer Bestandteil des britischen Lebens. So wenig wegzudenken wie Antibiotika und Paracetamol (beides nimmt man hier wie Smarties).
Erklärt man am Telefon in einer misslichen Lage dem netten Menschen am anderen Ende der Leitung, dessen Beruf es ist, Notrufe kompetent entgegenzunehmen, erklärt man ihm also, dass es sich um eine allergiebedingte Unpässlichkeit mit ungewissem Augang handelt, hat man schneller eine Ambulanz neben sich stehen, als man 999 wählen kann. Das ist beruhigend. Man fühlt sich erstgenommen und fast schon zu Hause in einer Kultur, die offenbar versteht, was man so durchmacht.
Zwanzig Minuten später aber, kaum, dass die Gefahr für Leib und Leben abgewandt ist, wünscht man sich wieder deutsche Verhältnisse. Wenn man nämlich auf die blutbespritzten Wände und gelbfleckigen Laken der Notaufnahme blinzelt und genau weiß: Nein, das sind keine Halluzinationen.
Auch das deutsche Zauberwort Privatpatient führt zu nichts. Die einzige Reaktion kommt von einer Krankenschwester, die einem den Arm tätschelt und in professionell-beschwichtigendem Ton sagt: "That’s all very well, love." Nur um alles, was man über seine Privatversicherung zu erklären versucht, komplett zu ignorieren. Der NHS kümmert sich nun mal um jeden EU-Bürger und will kein Geld, selbst wenn man es auf den Krankenhausflur werfen und schreien würde: "Behaltet es! Ich will es nicht! Ich will nur ein sauberes Laken!"
Dann aber wieder ein Lichtstrahl. Die Ärzte scheinen insgesamt deutlich entspannter zu sein. Wenn man weiß, wieviel sie hier verdienen, wundert es einen nicht mehr. Auch der Anteil ausländischer Ärzte ist damit erklärt ("Oh you're German? I'm from Holland!" oder "Heiland? Sind Sie aus Deutschland? Ich auch! Ich komm aus Bremen, und Sie?").
Sie nehmen sich viel Zeit, wenn sie erstmal aufgetaucht sind (was wiederum zwei bis fünf Stunden dauern kann, je nachdem, wie notfallig man nach der Erstversorgung eingestuft wird). Man fragt etwas und erwartet eine latent einsilbige, unverständliche Antwort, bekommt aber stattdessen eine sehr anschauliche Medizinvorlesung für Anfänger, dazu noch eine verständliche Extralektion in Arzneimittelkunde. Der Hypochonder in mir fühlt sich wohl und feiert (was ich nun erstmal für ein paar Tage vergessen kann, mit all den Antihistaminen, Antibiotika und Paracetamol... Hab ich was vergessen?).
Spannend bleibt die Scham des männlichen Mediziners vor der weiblichen Patientin. Kaum lüpft man den Pulli, damit die Herztöne besser abzuhören sind, wendet sich der Arzt panisch ab, rennt auf den Flur und zerrt die nächstbeste Krankenschwester in das Behandlungszimmer, damit diese über allem wacht. Ob nun der Arzt Angst vor der zudringlichen Patientin hat, oder ob die Patientin dem lüsternen Doktor nicht schutzlos ausgeliefert sein soll, bleibt ein Rätsel, klar ist nur, es sollen Prozesse wegen sexueller Belästigung nach amerikanischem Vorbild vermieden werden.
Erwähnenswert auch die grauhaarigen älteren Damen an der Rezeption, die über scheinbar endlose Geduld verfügen, sobald es um das Ausfüllen unübersichtlicher Zettel geht.
Ach es ist schön in diesem Land. Fast möchte ich auf das freundliche Angebot, noch ein paar Tage zur Beobachtung zu bleiben – aus rein landeskundlichem Interesse, natürlich - eingehen, da fallen mir wieder die blutverschmierten Wände ein, und ich denke mir, nein, ich habe genug gesehen. Ich kann es sicher mal in einem Buch verwenden. Und den Rest, den kann ich mir ja nun auch ausdenken.

Keen to see the stars...

…oder Keane. Ich mag sie ja teils ganz gerne, aber zum Starkult reicht es nicht, was vielleicht auch am Alter liegt. An meinem.
Wie immer, wenn man gar nichts erwartet und auf gar nichts hofft, bietet einem das Leben Seltsames. Vor einiger Zeit erst in Edinburgh, auf der Suche nach einem Internetcafe, ging ich von der Royal Mile in Richtung Grassmarket, das erschien mir der logischste Ort für mein Unterfangen. In der Victoria Street, einer kleinen, engen Straße, die zum Grassmarket führt, standen mehrere große Busse mit getönten Scheiben, die ich zunächst für Touristenreisebusse hielt. Ich quetschte mich auf dem Bürgersteig neben den Bussen hindurch, als aus einem drei bis vier junge Herren heraushüpften und mich über den Haufen rannten. Man entschuldigte sich gegenseitig beieinander, und ich überlegte, warum sie mir latent bekannt vorkamen, bis ich das Schild im Seitenfenster des Busses sah: Keane.
Das Bedürfnis, meine Mails zu checken, war allerdings deutlich größer als die Neugier, und außerdem plagten mich noch ein paar andere Bedürfnisse. Nach einer kühlen Cola, beispielsweise. Ich fand, wonach ich gesucht hatte, trieb mich noch ein wenig am Grassmarket und unterhalb des Schlosses herum, bog um eine Ecke und rannte wieder in drei bis vier junge Herren, die mir latent bekannt vorkamen. Weil sie mich vorhin schon umgerannt hatten und weil ich ja nun wusste, mit wem ich es zu tun hatte. Man entschuldigte sich also wieder, kommentierte die engen Straßen und das wunderbare Wetter, wünschte sich noch eine schöne Zeit, und jeder ging seines Weges.
Zurück in der Victoria Street, wieder vorbei an den Bussen, wo mittlerweile eine Traube von Journalisten und quietschenden Mädchen versammelt war. Naja gut, die Mädchen quietschten noch nicht, aber es war klar, sie würden es tun, sobald man ihnen Grund und Gelegenheit dazu gab. Offenbar hatten diese versammelten Menschen noch nicht das Vergnügen eines Zusammenpralls gehabt.
Ich wette, hätte ich gesteigertes Interesse an Keane gehabt – niemals wäre es dazu gekommen. Schon komisch, dieses Leben, in dem man ständig das findet, wonach man gar nicht gesucht hat.