Montag, November 24, 2008

S-Bahn

Dramatis Personae:

Studentin A
Studentin B
HH

In der S-Bahn. Wir warten, weil irgendwas kaputt ist.

A: Kennst Du eigentlich dieses Buch von Samuel Beckett [spricht den Namen deutsch aus]?
B: Nee, aber klingt lustig. Was denn für ein Buch?
A: "Warten auf Godot". Ich kenn nur den Titel, aber da müssen die Leute auch irgendwie warten.
B: Klingt auch lustig. Vielleicht können wir mal in der Thalia [betont erste Silbe] danach suchen, die haben doch immer so viele Bücher.
A: Der war glaube ich Ire, der Samuel Beckett.
B: Klingt aber gar nicht irisch.
A: Vielleicht muss man ihn anders aussprechen.
B: Nein, ich meine, die Iren haben doch immer was mit O. O'Hara zum Beispiel.
A: Das sind doch die Schotten.
B: Achso. Aber das von dem Beckett, war das nicht auch sogar mal im Fernsehen?
A: Bestimmt, die verfilmen ja immer Romane. Jetzt verfilmen sie auch was von Thomas Mann.
B: Der ist aber nicht so lustig, oder?
A: Och, manchmal soll der ganz witzig sein, hab ich gehört. Die "Buddenbrooks" werden verfilmt.
B: Das kenn ich. Das hab ich schon ganz oft gesehen. Das gab es mal als Serie!
A: War das nicht was anderes, irgendwas von der Schwester von dem?
B: Hm, nee, ich glaube Thomas Mann. Es gab ja auch nur den. Eine Frau Mann kenn ich gar nicht.
A: Wer hat denn da mitgespielt?
B: Das weiß ich nicht mehr. Aber letztens hab ich wieder einen schönen Film gesehen, der war mit dem Sohn von Hardy Krüger. Wie heißt der denn nochmal? Ach blöd, jetzt komm ich gar nicht auf den Namen ...
HH (platzt fast): Hardy Krügers Sohn heißt Hardy Krüger jr.! Und Thomas Mann hatte zwar zwei Schwestern, die sich übrigens beide umgebracht haben, aber wesentlich bedeutender ist sein Bruder Heinrich Mann. Auch bekannt sind die Kinder Golo, Klaus und - jetzt kommt eine Frau Mann - Erika. Samuel Beckett war wirklich Ire, und ja, die Iren sind das mit dem O, die Schotten mit Mc. "Warten auf Godot" ist kein Roman, sondern ein Theaterstück, aber auch das kann man bei Thalia mit Betonung auf dem i kaufen, und wahrscheinlich findet das nicht jeder auf Anhieb wirklich lustig. Hab ich was vergessen?
A & B (starren HH erschrocken an)
HH: Gut, dann geh ich jetzt mal aufs Klo. Wo ist hier das Klo?
A (schüchtern): Es gibt keine Klos in der S-Bahn.
HH: Oh. Gut. Ja. Man kann ja auch nicht alles wissen. Danke.

Kommentare:

kid37 hat gesagt…

Sehen Sie. Da haben Sie am Ende noch Demut gelernt. Schlau tun, aber nicht wissen, daß S-Bahnen kein Klo haben. Tss. ;-)

(Das waren Studentinnen? Mannmannmann.)

Henrike hat gesagt…

naja, vielleicht haben sie ja was, ähm, anderes studiert als, ähm, naja.

Henrike hat gesagt…

... und ja, ich fahre nicht oft s-bahn. eigentlich nie. nur, wenn mich meine verhaltenstherapeutin zwingt.

albertsen hat gesagt…

Seht das doch mal positiv: Immerhin kannten sie die NAMEN von Beckett und Mann!

Henrike hat gesagt…

was ich wirklich nicht weiß: bin ich da nur so empfindlich, weil ich zufällig literatur studiert hab, oder sind das lücken in der allgemeinbildung?

Smarf hat gesagt…

Es sind Lücken in der Allgemeinbildung. Leider. Wir haben hier einen Verfall aller Maßstäbe. Ich hasse es wirklich, auf der nachgekommenen Generation herumzuhacken, aber die Evolution probiert offenbar etwas vollkommen Neues aus. Downgrading oder so.

Anonym hat gesagt…

Moinsen,

Allgemeinbildung kommt ja nun eigentlich von dem durchschnittlichen Wissen, das eine Gesellschaft hat. Weiß jemand mehr, verfügt er über Spezial-/Fachwissen.

Kennt eine "nachfolgende Generation" einen Block, also ein Thema, Wissen nicht mehr, so gehört es auch nicht mehr zum durchschnittlichen Wissen; es wird zum Spezialwissen. Es handelt scih also im eigentlichen Sinne nicht um Lücken im Allgemeinwissen, sondern um eine Verschiebung des Curriculums, das wir als Allgemeinbildung betrachten.

Dabei sollte man nicht glauben, dass nur weil wir alle Goethe und Rückert kennen, die Jüngeren Dümmer sind, nur weil diese Namen bei ihnen kein Wiedererkennen auslösen: Das Wissen, das eine Generation durch Forschung erzeugt (der Prozess der Wissenschaft), nimmt in fast allen Bereichen exponentiell zu!

Das bedeutet, wollte man vor 100 Jahren einen umfassenden Überblick über ein Thema haben, sagen wir mal die Biologie oder deutsche Literatur, so konnte man bereits in wenigen Jahren alles wissenswerte lesen um, die nötigen Intelligenz, Fleiß und Willen vorausgesetzt, Neues zu diesem Thema beizutragen.

Heute sind diese Themen so umfangreich geworden, dass sie aufgesplittert werden. Man arbeitet sich in Mikrobiologie, Fischereibiologie, in neuere deutsche Literatur oder klassische Literatur ein; nur so kann man dem Bekannten Neues geben.

Was würde wohl ein Gallileo, Darwin oder Humboldt über unsere Bildung sagen? Das waren noch Generallisten, die die komplette Naturwissenschaft lernten und Philosophie, Recht und Religion noch dazu (Gallileo auf jeden Fall). Sie sähen uns wohl als oberflächlich ausgebildet an. Vielleicht würden sie erkennen, dass wir in einigen Bereichen über mehr Wissen verfügen als sie.

Also laßt uns bei der "nachfogenden Generation" doch mal sehen, was deren Wissenskanon wird. Ohne ihn mit dem unseren allzu penibel abzugleichen.

Davon abgesehen liebe ich (und glaube das ist ein stückweit ein Teil meiner deutschen Kultur) Fakten. Auch außerhalb meines beruflichen Fachgebiets. Ich lerne gerne in vielen Bereichen dazu. Blende aber auch gezielt spezielle Bereiche aus (in meinem Fall sind dies z.B. klassische bildende Kunst wie Theater, Oper, ein Großteil der Musik, Literatur außerhalb von Sach- oder Fachbüchern und einem eingeschränkten belletristischen Bereich). Ich hoffe, das das bei Euch, aber auch bei den Nachfolgenden, ebenso ist. Ich glaube nicht, dass ich dumm bin, nur weil ich noch nie Beckett gelesen habe. Dafür kann ich einen Spantenriß lesen, auf See navigieren und in vielen Sprachen Essen bestellen*g*...

Frohes Lernen!
Chris

Henrike hat gesagt…

mhm.
*notiert "rückert"
**notiert "fischereibiologie

Anonym hat gesagt…

Moinsen,
ja Henrike, diese Wortkombination findet bei google auch sinnvolle Ergebnisse. Ich meinte mit Rückert aber den Dichter, Orientalist und Übersetzer Friedrich Rückert.
*schlägt Kopf auf den Tisch*
*missioniert Henrike*
Gruß
Chris

Henrike hat gesagt…

dass du mit DER ausrede kommst, war ja klar.
*streng