Montag, Juni 08, 2009

Ach, Helgoland.

Immer, wenn man sagt, man fährt da mal nach Helgoland, seufzen alle: Ach, Helgoland. Da würd ich auch gern mal hin. Helgoland soll ja so toll sein. Und dann gibt es da welche, die sagen: Ach, Helgoland. Hässliche Insel, muss man nicht hin. Spätestens jetzt wird es interessant. Zwischen toll und hässlich liegt mehr, als Helgoland Fläche hat.
Das wirklich Interessante ist, dass alle recht haben. Helgoland ist hässlich. Das liegt einmal an den Läden. Es gibt eigentlich nur Läden für Whisky, Zigaretten und Parfüm, und die sind einfach nicht hübsch. Und es liegt an der Bebauung, die ist nämlich irgendwie Fünfziger, und zwar so gut wie ausnahmslos.
Kurz vor Kriegsende warf die britische Luftwaffe entspannte siebentausend Bomben auf das Inselchen, und zwei Jahre später versuchten sie dann, die ganze Insel zu sprengen. Das klappte nicht ganz. Helgoland blieb recht wacker, aber immerhin gingen die Bunkeranlagen von Adolfs Projekt Hummerschere dabei kaputt, was ja auch schon mal was war. Anschließend wurde Helgoland Bombenabwurfplatz für die Briten. Da kann man sich schon denken, dass da nichts mehr übrig war, in den Fünfzigern, als die Helgoländer wieder zurück auf ihre plattgemachte Insel durften.
Damals, erzählt Herr Rickmers, dessen Familie schon seit Generationen auf Helgoland lebt, ach was, eigentlich gäbe es Helgoland gar nicht ohne die Rickmers, oder so ähnlich, jedenfalls: Damals, da hatte so ein Erwachsener im Bundesdurchschnitt etwa 15 qm Wohnfläche und war zufrieden, das ist ja heute ganz anders. Wenn man sich die Häuschen so anschaut, muss vor fünfzig Jahren der durchschnittliche Bundesbürger auch noch irgendwie kleiner gewesen sein und weniger Licht gebraucht haben als zum Beispiel heute. Aber was soll man sagen, die Leute müssen irgendwie draufpassen auf die Insel, und was will man schon erwarten, wenn der Helgoländer Baumarkt in eine Hummerbude passt und bei jedem Neubau erstmal tagelang Bodenproben genommen werden müssen, um zu sehen, ob nicht doch noch irgendwo ein Blindgänger liegt.
Überhaupt, Blindgänger. Sie sammeln die Zünder von den Blindgängern, die Helgoländer, und dann geben sie bei ihren Nachbarn damit an, wer die meisten Blindgänger so auf seinem Grund hatte.
Wobei die Rickmers ja noch viel mehr Grund haben müssten. Also wenn man das jetzt mal ganz genau nimmt, aber wer tut das schon. Opa Rickmers, weiß Herr Rickmers, hat eigentlich mal einen Topf mit Gold vergraben, und zwar da oben. Also nicht unten, wo die Hummerbuden stehen und die Hotels sind und die Schiffe anlegen. Unten ist eh so eine Sache, weil, ohne Adolf gäbe es viel weniger unten als es jetzt gibt. Aber oben, wo die Leute in echt wohnen und auch schon immer wohnten, wo die Schule steht und wo man bis zu den roten Steilklippen und der Langen Anna gehen kann, da oben hat der Opa das Gold vergraben. Konnte ja nicht wissen, dass erst alles zerbombt wird, dann neu bebaut, und dass ausgerechnet da, wo er das Gold eingebuddelt hat, später die Leute ihre Schrebergärten hinmachen. Sie haben nämlich auch Schrebergärten, die Helgoländer, allesamt auf Gold gegärtnert und auf Grund, der ja eigentlich den Rickmers gehört, aber wie gesagt, wer nimmt das schon so genau, wo käme man da hin auf Helgoland.
Ja, und das Schöne? Das ist einfach. Es hat dort Wind, endlose Horizonte, Sandstrände und einen Haufen Möwen, die gerne dekorativ herumfliegen. Auf der Nachbarinsel, der Düne, liegen zu fotographischen Zwecken auch Seehunde (oder Dings, wie heißen die, egal) rum. Na ja und dann der Hafen. Häfen können so hässlich sein, wie sie wollen, sie sehen immer entzückend aus, und dabei geben sie sich nicht mal besonders viel Mühe. Ach und diese roten Felsen. Kennt man ja. Da kann man oben langlaufen und ein bisschen runterschauen, wenn der Wind nicht gerade so stark ist, dass man sich ständig gegen ihn stemmen muss. Irgendwann, wenn man um eine Biegung geht, ist er nämlich weg, der Wind, und man stemmt sich immer noch, und schon stolpert man, das muss ja auch nicht sein.
Entschleunigen, sagt Herr Rickmers immer wieder und macht ein wichtiges Gesicht, damit wir Großstädter auch verstehen, warum es so wichtig ist, nach Helgoland zu kommen. Entschleunigen mit Konzept. Das Konzept hat er in sein Hotel reingebastelt und zum Programm gemacht, was teils entzückend, teils rührend ist, manchmal aber auch sehr spannend, denn er liebt nicht nur, Geschichten zu erzählen, sondern auch Geschichte. Aus der der Rickmers hat er einen Film geschnitten, für den er nicht nur Bildmaterial bis hin zu Adolfs Besuch auf Helgoland zusammengesucht hat, sondern auch seine Mama in einen alten Tunnel gesetzt und interviewt hat. Seine Mama spricht Hochdeutsch, aber nur für die Kamera. Wenn die beiden sich unterhalten, sprechen sie Helgoländisch, und das versteht man nicht, da kann man sich anstrengen, wie man will. Man müsste vorher Vokabeln lernen. Zur Toilette sagen sie zum Beispiel skin.
In demselben Tunnel sitzt man, wenn man sich den Film anschaut. Und der ist definitiv besser als die Urlaubsvideos von Onkel Horst, muss man auch mal so sagen. Obwohl Onkel Horst immer auf Teneriffa war, das soll ja viel schöner sein als Helgoland. Aber ich weiß nicht. Es ist doch schön, dieses Helgoland. Das weiß Herr Rickmers, und er wartet einfach in Ruhe ab, bis wir alle verstanden haben, was die Insel am allerschönsten macht. Das ist etwas, über das man nicht schreiben mag, weil es so banal klänge. Es passiert nämlich einfach, und dann ist es ganz selbstverständlich. Dann stören die hässlichen Häuschen und die grellen Hummerbuden und die Parfümläden auch nicht mehr, dann ist es egal, ob die meisten, die hier herumschlurfen, Rentner oder Schulklassen oder Tagesausflügler oder Journalisten sind. Dann ist man vermutlich angekommen und will nicht mehr weg.

4 Kommentare:

Deich36 hat gesagt…

Ahoi, ich weiß jetzt, warum Du Schriftstellerin bist. Weil Du in Deinen letzten zehn Zeilen ausgedrückt hast, was "es" ausmacht. Merci. Wenn mich in Zukunft jemand fragt "Was willstn da?"... Dann sage ich einfach: Lies es bei Henrike.
Merci!

Henrike hat gesagt…

:) erinner mich dran, dass ich die fotos mal hochlade ...

Unterlaender hat gesagt…

Ach Henrike,

eine ganz vorsichtige Annaeherung. Aber in Zukunft kann ich dann ja ohne wichtiges Gesicht warten.
Die GrosstaedterInnen verstehen es ja doch.

isabo hat gesagt…

Oh Mann, jetzt hatte es gerade so langsam nachgelassen, da kommst Du mit sowas! Ich gebe Ende des Monats mein Buch ab, dann habe ich Geburtstag, und dann, DANN! buchen wir was. Oder so. Herr Unterländer, da haben Sie uns ganz schön was eingebrockt, zwei kleine Tage mit vollem Programm, Sonne, Geschichten, Robben (Robben heißen sie, Henrike), Möwenkacke und allem Schischi, und schon sind wir dieser Insel kollektiv erlegen.
Bei Merlix kommentierte jemand: Helgoland ist scheußlich, aber zauberhaft. Trifft es ziemlich gut.