Montag, März 17, 2008

Messe (Blutzuckerspiegel)

Lesen ist gar nicht so einfach. Irgendwie wird das immer unterschätzt. Auch das Vorher und Hinterher ist gar nicht so einfach und wird ebenfalls unterschätzt. Zum Beispiel muss man (ich) sich (mich) in gewissen Bereichen absichern. Mit Höhenangst kann man ja nicht auf einem Turm lesen. Oder mit einer Nussallergie ist eine Haselnussmenülesung auch eher schlecht. Und auch sonst gibt es so grundsätzliches, wie: Der Blutzuckerspiegel muss stimmen. Man muss vorher gefüttert werden, damit man auf der Bühne nicht umfällt, und auch hinterher muss man – aber der Reihe nach.
Anobella sagte, sie käme um zehn mit Frühstück. Wann kommt sie? Viertel vor elf, ich bin fast verhungert. Ich will um elf schon los zur Messe fahren, was aber nicht geht, erst muss ja gegessen werden, dann noch Leseprobe, kurz: Wir fahren erst um viertel vor zwölf, und Anobella wirft mir vor, ich sei nervös. Ach was. Sie zwingt mich, meine Beruhigungstabletten zu nehmen (rein pflanzlich), und zwar in vierfacher Dosierung. Sie helfen nicht. Trotzdem schreit sie mich an: Nimm Deine Tabletten! Wie so ein Satz auf einer Buchmesse neben der Leseinsel der jungen Verlage wirken muss, darüber muss man nicht lange reden. Ich nehme also zum dritten Mal die vierfache Dosis und bin immer noch aufgeregt. Traubenzucker, japse ich, meine Ärztin sagt, ich soll Traubenzucker… Anobella schreit mich wieder an: Kein Traubenzucker! Ich versuche ihr zu erklären, dass auch Nervosität viele viele Kalorien verbrennt und den Blutzuckerspiegel sinken lässt, aber sie hört nicht zu. Heimlich wühle ich den Traubenzucker aus der Handtasche und verstecke mich dazu hinter dem Verleger. Der sagt gerade zu den anderen Mitlesenden: Ihr seid doch hoffentlich nicht aufgeregt? Immer schön dran denken: Langsam lesen, dann wird das schon. Frau Heiland, Ihnen muss ich das ja nicht sagen, Sie sind ja Profi.
Dreht sich um zu mir, alle starren mich an, Anobella auch. Ich hab gerade ein Stück Traubenzucker zwischen den Lippen und mache große Augen. Profis sehen glaube ich anders aus. Anobella schreit wieder, diesmal nicht mich an, sondern einfach nur verzweifelt: Auch das noch! Versucht, mir den Traubenzucker wieder abzunehmen. Sie zwingt mich, zum vierten Mal die vierfache Dosis Beruhigungstabletten (rein pflanzlich) zu nehmen. So viel Baldrian, Melisse und Hopfen, das kann nicht gut sein, denke ich noch, aber das ist Anobella egal. Sie zerrt mich auf die Bühne, und mit einem Mal bin ich ganz entspannt, obwohl es knallvoll ist, überall sitzen Leute und starren uns herausfordernd an. Sie warten auf große Momente der Lyrik, auf noch größere Enthüllungen neuer deutscher Literatur, und ich habe ein Comedyhörstück in der Tasche. Prima. Anobella schreit mich wieder an, aber diesmal, weil es ihre (und meine) Rolle so will. Vorher behauptet sie noch, ich sei aus Waldsolms, aber das ist eine ganz andere Geschichte und wird extra behandelt.
Jedenfalls sind wir irgendwann fertig, die strengen Menschen klatschen höflich. Manche kaufen sogar das Buch, und der Verleger lädt uns zum Essen ein, er weiß ja nicht, was er tut, in mich passt mehr rein, als es von außen den Anschein hat, und dann noch nach all den Tabletten, da muss es das teuerste Filetsteak sein. Man verbraucht sehr viele Kalorien, bei so einer Lesung, besonders, wenn man aufgeregt ist. 3000 bestimmt, wenn nicht sogar das Doppelte. Anobella behält mich nun in liebevoller Erinnerung, wie ich entweder Beruhigungstabletten, Traubenzucker oder Essen in mich reinstopfe, und später, am Lübbestand, als Bruce Darnell schon wieder gegangen ist, werfen sie mich mit belegten Brötchen und Saft zu, weil ich immer noch Hunger habe und Nachaufgeregt bin. Du musst Dich mal weniger aufregen, sagt Anobella, und ich nicke.

Kommentare:

albertsen hat gesagt…

Nun tu doch nicht so missverstanden. Immerhin habe ich mich von dir zum Brötchenholen an die Tankstelle scheuchen lassen, nur um euch bei meiner Rückkehr fröhlich mampfend am Frühstückstisch zu finden.

Henrike hat gesagt…

wer rechnet denn auch damit, dass eine verwirrte anobella so spät dann doch noch brötchen findet! DU dachtest AUCH, dass sie mal wieder ENTFÜHRT wurde, tu nicht so!

albertsen hat gesagt…

Entführt? Pah! Die ganze Stadt war voller Polizei wegen dieser rivalisierenden Rockerbanden. Wie soll denn da einer die anobella entführen?