Mittwoch, April 30, 2008

Weinprobe

Jetzt mal im Ernst. Man muss sich das so vorstellen: Eine Weinprobe im exklusivsten Hotel Hamburgs. Selbiges liegt malerisch an der Elbe, und man hat irgendwie gar keine rechte Ahnung, wie man da überhaupt so reingeraten ist. Vermutlich wurde einem die Weinprobe zu einem Anlass, den man längst wieder vergessen hat, geschenkt.
Jedenfalls steht man da nun, zwischen lauter teuren Anzügen im, wie man so sagt, besten Alter (das, in dem Frauen als unansehnliche alte Schachteln gelten). Die stehen also da und warten, dass es losgeht, machen sich untereinander bekannt, wie das Männer eben so tun: Sie messen Schwanzlängen. Ab einer gewissen Einkommensklasse verläuft das deutlich subtiler als auf dem Oktoberfest. Hier definiert man sich über Namedropping, Andeutungen, wann man wo mit wem was gesprochen hat und wen man wann wie zu Gast hatte oder umgekehrt, und klar, mit dem Privatjet letztens. Über sowas reden wir hier.
Und dann sagt der Mann neben einem, also er spricht einen direkt an, weil er wissen will, mit wem er es hier zu tun hat, ob sich da nicht vielleicht die Praktikantin verlaufen hat, jedenfalls sagt der Mann neben einem, während er auf die Elbe blickt:
Ist doch immer wieder schön, diese Aussicht, das denke ich jeden Morgen, wenn ich aus dem Schlafzimmerfenster sehe. Sie wird einem nicht langweilig.
Sagt er so, und es ist klar, was das impliziert. Ganz sicher hat man keine Lust, ihm zu sagen, dass man auf deutlich weniger Quadratmetern als er, und dann auch noch ohne Elbblick (Schande!), nein, das muss nicht sein. Unweigerlich fragt er:
Finden Sie nicht auch?
Ganz ehrlich. Darauf gibt es nur eine Antwort, die einen Hamburger deprimiert. Da kann man nicht mit Alsterblick oder Ichwohnamstarnbergersee oder Meinevillaimgrunewald. Das ist alles Dreck. Einen Hamburger in einer Elbblickvilla deprimiert nur eins:
Och, aber gegen die Themse … Wir haben ja extra die Loftwand zur Flussseite ganz mit Glas …
Das Gesicht, das man dann zu sehen bekommt, das ist nicht mit Geld zu bezahlen. Auch nicht mit Elbblick. Da ist man dann plötzlich ganz entspannt, mitten zwischen den Millionären.

Montag, April 28, 2008

"Wie war's denn so in Wien?"

Ich weiß IMMER noch nicht, was es da mit kid37 auf sich hat. Vielleicht erklärt mir das mal einer. Vielleicht sogar kid37 selbst. Meines Wissens jedenfalls hab ich ihn nicht getroffen. Er faselte was von Go-Go-Tänzerinnen und schweigsamen Taxifahrern. Beides ist mir nicht untergekommen. Und erkältet ist er auch nicht. Also kann er nicht mal annähernd in meiner Nähe gewesen sein.
Dafür habe ich das hier gesehen:

Kryptische Drohungen...

...Wien von seiner modernsten Seite...

...und total wahnsinnig witzige Kneipen.

Donnerstag, April 24, 2008

Ansichten

Berlin, U-Fehrbelliner Platz

Dramatis Personae:
A (männl., ca. 25)
B (männl., ca. 45)

A: Ick würd ja echt gern sone Bank überfalln, dann hätt ick Geld.
B: Wat, ne Bank gleich? Wat willstn mit dem janzen Zaster?
A: Na, wat ma halt so macht, mitm Geld. Ausgebn!
B: Wees ick och, aber wofür?
A: Na, fürn Mercedes vielleicht.
B: Wat willstn mitm Mercedes? Findste nien Parkplatz! Und außerdem schluckt der wie Bolle!
A: Aber dann hätt ick ja Geld, da könnt ick dit Benzin ja locker bezahlen!
B: Nee, Alter, ick wees nich, n Mercedes, wat willstn damit, nee nee.
A: Haste eijentlich Recht, Alter.
B: Ja un wat würdste noch machen?
A: Nach die Malediven würd ick.
B: Malediven? Wat willstn uff die Malediven? Schwitzt dir dein fettes Hinterteil ab und verstehst keen Wort!
A: Alter, du hast sowas von Recht, ey, Malediven is ein scheiß. Wat könnt ick denn machen mit dem janzen Zaster?
B: Brauchste nich, Alter, brauchste nich! Lass es einfach!
A: Nee, so einfach is das nich. Ick würd jern mal sone Bank überfalln und dit janze Geld ham.
B: Dann mach, ey, ick steh Schmiere, aber gib mir hinterher bloß nix ab! Ick will nix zu tun ham mit Geld! Echt nich!



Drei Stunden später, in Dahlem

Dramatis Personae:
Frau A (ca. 45)
Mann B (ca. 50)

A: Dit haste dir verdient. Wat willstn mit dem Schotter, hau raus! Hast keine Kinder, hast sonst nix, wo du drauf warten musst, und vom Rumliegen uff der Bank haste ooch keen Spaß.
B: Meenste? Aber ick wollts halt sparn.
A: Quatsch! Nu sach ma, wovon hastn schon immer jeträumt?
B: Uff die Malediven wollt ick.
A: Na siehste. Dann mach dit mal. Un kaufst dir nochn schönet Auto.
B: Mercedes?
A: Ja klar ey! Wozu hastes denn? Andere wärn froh, wenn se uff die Malediven könnten!
B: Hast Recht. Dann mach ick dit mal.

Mittwoch, April 23, 2008

Untergänge

Das mit der Sonne ist keine allzu übliche Sache in diesem Hamburg. Da geht es denen hier wie den Engländern. Und wenn die Sonne scheint, verhalten sich die Hamburger auch ein bisschen so: Sie tragen T-Shirts ab 10 Grad, und sie rennen den Sonnenuntergängen hinterher.
Ich kenne das noch von der englischen Küste (vorzugsweise in Richtung Westen, wegen dem Untergehen): Der Abend rückt näher, und alles, was motorisiert ist, fährt an den Strand. Parkt so nah am Wasser wie es geht. Stopft Fish&Chips in sich rein (in Zeitungspapier eingewickelt, mit Essig, man kennt das ja), bis die Sonne verschwunden ist, gibt Gas und fährt wieder.
Hier in Blankenese macht man das auch so, naja so ähnlich. Abendstimmung an der Elbe bedeutet für Aussichtspunkte wie den am Bismarckturm: Im Halteverbot der Sackgasse stapeln sich die Autos. Alle stehen bei den Parkbänken, direkt am Abgrund, und spähen in Richtung Schweinesand. Ein paar Amateurknipser haben ihre Megakameraausrüstung (fünf Jahre drauf gespart, und den Rest zu Weihnachten bekommen) dabei und diskutieren über Linsen und Beleuchtungszeiten. Daneben Jugendliche mit Bierflaschen, aber friedlich, weil Blankenese. Ansonsten noch Spaziergänger mit Hunden, und ich (ohne alles). Man steht versunken herum und wartet, bis die Sonne ebenso versinkt, schätzt das Rotleuchtende der einfahrenden Schiffe, die die letzten Strahlen reflektieren, und überhaupt ist man sich einig - worüber ist nicht klar, aber man ist es. Irgendwann fangen alle an, sich wieder zu bewegen und hören auf, gedämpft zu reden. Man geht nach Hause oder klettert runter zur Elbe, der Moment ist vorbei, und wer weiß, wann die Sonne wieder scheint.
Das ist ja eher selten.

Sonntag, April 20, 2008

Therapiestunde

Nachts um drei im Wiener Taxi.
Dramatis Personae:
Taxifahrer T (irgendwo aus, ach, keine Ahnung)
HH (Schaffenskrise)

HH: In die Stolzenthalergasse, bitte.
T: Aaah, isse achde Besirk?
HH: Ja, gleich da unten um die Ecke.
T: Kenne sich aus?
HH: Wie ich nach Hause komme weiß ich.
T: Sin aba Auslända?
HH: Äh, ja. Bin ich.
T: Deudse?
HH: Genau.
T: Haha, weißi gleich, wer isse Auslända un were nich. Wasse mache hier in Wien? Ware große Fess?
HH: Ja, genau.
T: Ware ledsde Woche Ärsde gefeiad.
HH: Nee, diesmal nicht. Diesmal, ähm, Autoren.
T: Isse was?
HH: Schriftsteller ... Leute, die Bücher schreiben.
T: Aaah, Audora!
HH: Ja.
T: Biss auch Audora?
HH: Wenn ich das wüsste.
T: Isse dolle Sache, Bücha, mach gerne Bücha, so lesa, jede Dag. Lesa isse leichd, aba sreibsdu isse swer. Wo sreibsdu so slau, weißdu, kenni dich nich, leida, aba is so slau, wenn da sreibt un auch noch Frau [...]. Mussu sein sehr slau, un is harde Beruf, weißdu, mussu imma denge, denge, denge, middi Kopf [...] Is so swer, denge! Aba darfsu nich aufhörn weil is swer, is imma alles swer, mussu weidamacha. Wieviel Bücha?
HH: Drei.
T: Aaah, isse viele Sache in Kopf hasdu, das wichdig, mussu ham swere Kopf mit viele Sacha [...]. Is swer, aba mache weida. Auch wenn Frau sein. Bisse noch junge, is swerer, hat alte Erfahrung, mussu nehme Kopf was hasdu nich selbs gelebt, heißd Phantasia, gehörd schonma?
HH: Ähm, gelegentlich, doch.
T: Ganse wichdich. Isse swer, aber isse sön. Mach Leud glüglich wolln lesa die Bücha. [...] Nie aufhörn nur weil swer, mussu glaubn, ander Leud wolln un mach nie, das is slimm! Manchmal denksu aufhörn?
HH: Dauernd.
T: Machsu nich. Imma weida. Nich aufhörn nur weil swer. Große Kopf imma mit denge. Kann auch Frau macha. Is gut für Frau. Meine Frau nich denge, mach mich verrügt! Hörsdu nich auf, versbrich mich!
HH (gerührt): Wir sind da...
T: Lassich ers raus wenn hasdu versbrocha.
HH: Na gut.
T: Siehsu, gans leichd jeds. Mach funf Euro. Brauchsu Kwiddung?

Sprachbarrieren (intendiert)


Café Hummel, Wien.

Dramatis Personae:
HH
Oberkellner O

HH: Ich hätt gern so ein Wiener Schnitzel, bitte.
O: Aans von Käubl?
HH: Na ein Wiener Schnitzel, ich dachte, die sind vom Kalb?
O: Es gabat aans von Schweinderl aa.
HH: Also Schnitzel Wiener Art? Heißt das bei uns in Deutschland.
O: Naa, bei uns is des a Schnitzerl von Schwein. Des sog i extra dazua.
HH: Aber ich hätt gern das vom Kalb.
O: Und wööche Beilog?
HH: Pommes, ach, und einen Feldsalat, bitte.
O: Wos bittschee woin S'?
HH: Pommes?
O: Schlimm genug. Naa, naa, des aundare.
HH: Feldsalat?
O: Födsalod? Kenn i net.
HH: Aber die Frau da drüben isst gerade welchen!
O: An Vogerlsalod woin S'!
HH: Von mir aus auch Vogerlsalat, wenn's der ist, den die Frau da drüben
isst.
O: Die Dame isst an Vogerlsalod.
HH: Prima. Ach und auch wenn Sie mich dafür hassen werden, aber könnt ich
auch Ketchup? Für die Pommes?
O: Wos? A Ketschap? Hean S', do bliat ma's Weanerherz.
HH (erschrocken): Doch so schlimm?
O: Vo mir aus kennan S' eahna Schnitzerl in den Gatsch dersaufen, mia is des
wuascht, owa den Spruch miassen S' Ihna scho auhean.
HH: Tja, wir haben nun mal keine Kultur, wir Deutschen...
O: Meiner Söö! A woahres Wort!
HH: Tja.
O: Net bös sein, göö? Des is hoid so bei uns in Wean, do muass ma se
ständich die g'schissenen Schmäh von die Ober auhean.
HH: Genau deshalb komm ich ja her.
O: Deaf's sunst wos sei, gnä Frau?
HH: Tomatensaft.
O: Des haumma net.
HH: Doch!
O: Naa, haumma net. Prowian S' es no amoi.
HH: Ähm, Paradeisersaft? Hört sich irgendwie scheiße an.
O: Sogt eh ka Sau, gnä Frau. I woit Ihna nua no a bisserl sekkieren!


(Oberkellner wurde übersetzt von Stefan Slupetzky)

Mittwoch, April 16, 2008

Wien!

Bis nächste Woche!

Dienstag, April 15, 2008

Dorfleben

Heute Morgen dachte ich: Es ist soweit! Der Marktleiter vom Feinkost-Edeka unten an der Elbchaussee begrüßt mich mit Handschlag. Aber das ist normal. Die sind hier alle so. Die Kassiererinnen begrüßen einen mit „Einen wunderschönen guten Tag“ und benehmen sich ein bisschen so wie in der Werbung. Und auch sonst der Einzelhandel. Wenn die mal was nicht haben, sagen sie einem, wo man es findet, ganz selbstlos. „Ach das gibt’s beim Herrn X.“ – „Ähm..?“ – „Straße runter auf der anderen Seite, das Schreibwarengeschäft, das ist der Herr X. Sind Sie nicht von hier? Ach, gerade hergezogen? Das ist ja interessant. Wo kommen Sie denn her?“ Und schon kennen sie einen.

Das ganze hat einen winzigen Nachteil. Weil jeder jeden kennt, unterhalten sich auch alle wie beste Freunde, die sich zwei ereignisreiche Monate nicht gesehen haben. Also dauert jedes Verkaufsgespräch gute drei Stunden, und man steht brav wartend daneben. Dann ist man dran und wird wieder genau taxiert. Sie sehen ja, dass ich nicht wie die anderen Frauen tagsüber in Reiterhosen und Reiterstiefeln rumrenne, um dann mit meinem Range Rover wegzufahren, und sie hören auch sofort, dass ich nicht von hier sein kann. Dann sortieren sie mich wild zwischen Bayern und Österreich ein. Was den Schuhverkäufer aus Österreich, der aber schon siebenunddreißig Jahre in Hamburg lebt, sehr glücklich gemacht hat. Nach zwei Stunden durfte ich dann auch endlich mit meinen neuen Schuhen nach Hause gehen.

Montag, April 14, 2008

Ach,

...und die Sonne scheint jetzt manchmal sogar auch.

Geht doch.

Ich nehme alles zurück, was ich jemals über Blankeneser Handwerker gesagt habe. Gerade war der Elektriker hier, und es war sensationell: Er brauchte nicht mal eine Stunde, ich durfte am Schreibtisch bleiben und weiterarbeiten. Ich habe ihn kaum gehört oder gesehen, er hat alles sehr selbständig gemacht ohne blöd rumzufragen („Wo isn der Sicherungskasten, junge Frau?“ Nix da! Er hat ihn SELBST gefunden!), er kannte meinen Namen, er hat hinterher sogar noch seinen Dreck weggesaugt, und die Rechnung war vertretbar. Außerdem hat er mich gelobt für die Lampen, die hätte ich sehr schön ausgesucht. Jetzt hab ich überall Licht, und das allerbeste: Es fehlt NICHTS aus der Wohnung!
Da lebt man sich doch langsam ein.
Brauche nur noch eine Putzfrau in der Art: Redet nichts, macht alles von selbst, moderater Preis, klaut nicht, und am Ende ist auch noch alles sauber. So eine hatte ich FAST in Berlin. Da stimmte alles bis auf das Reden. Zwei Stunden am Stück, und ich hab kein Wort verstanden.